Seite 2 Die Arbeit September 194(5 mokratie werden. Dazu muß sie sich für die Verwirklichung der Grund- sätze einsetzen, die die internatio- nale Gewerkschaftsbewegung als ihre Prinzipien anerkennt. Innere Selbstverwaltung, demokratisches Mitwirken ihrer Mitglieder an de*j Arbeiten der Organisation, gleiche Rechte und Pflichten für alle Mit- glieder und alle Leitungen müssen periodisch in demokratischem Wahl- verfahren gewählt werden. Kein Ab- hängigkeitsverhältnis zu den poli- tischen Parteien, Zusammenarbeit mit allen demokratischen Parteien,' die mit unserer Zielsetzung verbun- den und bereit sind, alle gewerk- schaftlichen Forderungen zu unter- stützen. Demokratische Umgestal- tung von Staat und Gesellschaft, Sicherheit und soziale Gerechtigkeit, sowie die Völkerverständigung. Das sind neben den alltäglichen Vertre- tungen in Betrieben und öffentliche^ Verwaltungen die Hauptgrundsnfze der Einheitsgewerkschaft. Demokratische Umgestaltung von Staat und Gesellschaft, Sicherheit und soziale Gerechtigkeit, sowie Völkerverständigung fordern die Vernichtung der Ueberreste des Hit- lerfaschismus, Liquidierung des Mi- litarismus und Imperialismus, Be- seitigung 'der kapitalistischen Mo- nopole, Uebernahme der Unterneh- mungen der Kriegsschuldigen, Kriegsinteressenten und Faschisten durch kommunale Sclbstverwal- tungsorgane, d. h. den Besiegten das Fundament zu nehmen, sie zu ent- waffnen, damit das über uns herein- gebrochene Unglück sich nicht noch einmal wiederholen kann.- Das ist die Erkenntnis, die wir aus unseren gemeinsam begangenen Fehlern nach 1918 gewonnen haben. Die militärischen Machtmittel der Reaktion wurden von den alliierten Mächten zerschlagen. Unsere Auf- gabe ist es nun. dafür zu sorgen, daß die in den Besitz-Veihältnissen ruhenden Möglichkeiten einer Re- staurierung des Militarismus besei- tigt werden. Die Entwaffnung der Besiegten darf sich aber nicht nur auf ihre materiellen Güter beziehen. Auch der Apparat der Selbstverwal- tungsorgane und besonders die Schulen müssen freigemacht werden von den Liebhabern des Militaris- mus', ja, noch mehr, es ist dafür zu sorgen, daß alle Kommandostellen in Staat, Wirtschaft und Verwaltung von diesen militaristischen, faschi- stischen Steigbügelhaltern gesäubert werden. Jede Möglichkeit, neue Waffen gegen die Demokratie und das Volk zu schmieden, muß ihnen erbarmungslos genommen werden. Wir sind gerade erst im Anfang dieser Arbeit und schon zeigen sich die ungeheueren Schwierigkeiten, diese Aufgaben zu erfüllen. Machen wir uns keine Jltussionen, als ob mit der Zerschlagung der militärischen Macht durch die Alliierten der Fa- schismus und Militarismus erledigt sei. Nein, gerade jetzt, wo wir uns in einer schweren Kris» befinden, kommen sie aus ihren getarnten Schlupfwinkeln und kritisieren in getarnter Form die alliierten Be- satzungsmächte, als seien diese schuld an dem großen Elend, in dem wir uns befinden. Bewußt vertuschen sie die Tatsache, daß wir durch Hitlers Krieg, der diese Vernichtung heraufbeschworen hat, in dieses Elend hineingeraten sind. Die Kla- gen häufen sich, daß nicht nur in den untergeordneten Stellungen sich solche Leute festhalten, die man besser zur Aufräumungsarbeit der Trümmer heranziehen sollte. Es sind vor allem solche, denen die Ka- sernenluft und der Kasernen ton Le- bensbedürfnis war, die unter Adolf Hitler nie zu dieser Kaste hätten aufjgtfeigen können, wenn sie nicht ganz sichere Bürgen für ihre national- sozialistische Loyalität und ein emp- fehlendes Führungszeugnis der zu- ständigen Ortsgruppe der NSDAP hätten vorweisen können. Das gilt sowohl für ehemalige Offiziere als Um das tägliche Brot Initiative der Einheitsgewerkschaften bewirkt Sofortmaffnahmcn Es gibt zur Zeit wohl kaum ein Problem, das mit hartnäckiger Be- harrlichkeit seine Aktualität so er- bittert verteidigt wie die Sorge um das tägliche Brot. Um ihrer Herr zu werden, mühen sich die Ämter der Militärregierung mit der gleichen ernsten Verantwortung, wie es die zivilen Behörden und Körperschaf- ten tun, und es ist nur ein positiv zu wertendes Zeichen, wenn seit gerau- mer Zeit sich ein Gremium von Vertretern des öffentlichen Lebens im Landesernährungsausschuß mit Genehmigung des Herrn Gouver- neurs und auf Initiative der Haupt- verwaltung der Einheitsgewerk- schaften zusammengefunden hat, um in konsultativer Aktivität mitzu- helfen, die Schwierigkeiten im Er- nährungssektor, für die von den gegenwärtig zuständig handelnden und verwaltenden Dienststellen keine verantwortlich gemacht werden kann, zu überwinden. Der Mangel ist keine dem Saar- land eigentümliche Erscheinung und auch keineswegs auf unser Gebiet beschränkt. Wohl mag in der einen oder anderen Zone je nach der räumlich begrenzten wirtschaftlichen Struktur in besonders schwierigen Fällen ein kompensatorisches Aus- weichen auf andere Nahrungsgüter, die zur Zeit verfügbar sind, sich vielleicht reibungsloser vollziehen, eine strenge kritische Prüfung sol- cher Überbrückungen aber wird immer wieder feststeilen, daß sich im Gesamtbild, das auch dort sich der Kalorieneinheit als Maßstab be- dient, keine großen. Verschiedenhei- ten zeigen. Es wäre also ungerecht und verantwortungslos, wollte man gelegentlichen unkontrollierten Ge- rüchten Gehör schenken und als Argumente dafür hervorbringen, daß es eben bei uns nicht klappt und anderswo besser gewirtsc-haftet wird. Das ist eine grobe Selbsttäu- schung und wohl auch eine fahrläs- sige, wenn nicht sogar beabsichtigte Beeinflussung der öffentlichen Mei- nung. Daß die Nahmngsdecke sehr kurz ist, wissen wir selbst und brauchen uns diese Neunmal-Klugen nicht erst" zu sagen. Unter diesen Besserwissern aber ist bislang noch keiner hervorgetreten um uns zu überzeugen, daß er es 'auch besser machen kann. Sie behalten ihr Ge- heimnis für sich und haben ihre Freude an einer destruktiven Kri- tik. Noch immer ist es der unermüd- lichen Anstrengung unseres Gou- verneurs und seiner Ernährungsoffi- ziere gelungen, zeitlich bedingte Krisenlagen im Versorgungssektor zu beseitigen und mit Unterstützung der deutschen Behörden eine Ver- besserung der Ernährung sicherzu- stellen. Erst kürzlich war den Vertretern der Hauptverwaltung der Einheits- gewerkschaft Gelegenheit gegeben, mit den Herren Colonel Cadee, Ca- pitaine Petey und Rieth von der Militärregierung die vordringlich- sten Fragen, vor allem, die Versor- gung der schaffenden Menschen aus gegebenem Anlaß einer eingehen- den Erörterung zu unterziehen. Argumente und Wünsche der Ge- werkschaftsvertreter fanden vor den höchsten Instanzen unseres Gebietes aufgeschlossenes Verständnis und die Zusage für ihre Berücksich- tigung in sofort einzuleitenden Maß- nahmen. Die infolge von Abnahme- und Transportschwierigkeiten ein- getretene Kartoffellücke konnte zunächst durch eine Vorausgabe von Brot und eine Sonderzuteilung von Nährmitteln zu einem Teil ge- schlossen werden. Der aus eigener Erzeugung aufkommende Mehl- anfall gestattete einen Vorgriff in die Septemberzuteilung und wurde in seiner Wirksamkeit unterstützt durch den Beginn der Kartoffelaus- gabe, die durch die inzwischen ein- getroffenen ersten Kartoffelzüge aus der Tschechoslowakei, die dem Saar- gebiet rund 8000 t Kartoffeln, dank der erfolgreichen Bemühungen der Militärregierung, zur Verfügung ge- stellt hat, möglich geworden ist. Um diese Anlieferung zu beschleunigen, hat die Militärregierung in eigener Initiative durch geeignete Maßnah- men in den Umschlags- bzw. Durch- gangsbahnhöfen eine raschere Ab- fertigung siehergestellt, um soweit als möglich jeder Verzögerung zu begegnen. Im Verlauf der Aus- sprache hat der Leiter des Landes- .ernährungsamtes, Herr Neufang, die Zusage gegeben, umgehend mit maß- gebenden Firmen des Reiches in Verhandlung zu treten, um im Aus- tausch von Hafer und Gerste gegen Suppenartikel weitere Versorgungs- möglichkeiten zu erschließen. Mit besonderem Nachdruck haben die Gewerkschaftsvertreter darauf hingewiesen, daß die Verteilung die- ser eine vorübergehende Notlage überbrückender zusätzlicher Lebens- mittel nur vinter Berücksichtigung der gesamten Bevölkerung erfolgen könne, da mit der Beseitigung der Versorgungssehwierigkeiten inner- halb der Familie auch die allge- meine Arbeitsfreudigkeit gehoben werde. Militärregierung und Haupt- verwaltung der Einheitsgewerkschaft haben sich Vorbehalten, in Kürze wieder zu einer Aussprache zusam- menzutreten, um weitere Verbes- serungsmaßnahmen zu beraten. auch für Männer, die während der Hitlerperiode irgend eine führende Position besetzt hielten. Diesen, im Dritten Reich aus diesem oder jenem Grunde verhinderten Parteibuch- Faschisten trauen wir nicht über den Weg. Wenn sie sich auch heute zu Demokraten bekennen, wir glau- ben ihnen das nicht so ohne weiteres. Wir rechnen lieber damit, daß sie doch noch manchmal und sogar laut von schneidigen Paraden und blin- kenden Ritterkreuzen träumen und daraus ihrerseits den Wunsch nach Wiederkehr jener Zeit nähren, die sie kommandieren ließ und ihnen die Befehlgewalt über eine stumm gehorchende Masse feldgrauer Pro- leten sicherte. Die bitteren Erfah- rungen der Vergangenheit sollten uns vor übereilten Kompromissen warnen. Sehr oft wurde mir gerade in der letzten Zeit von diesen Herren vor- gehalten, daß unsere Forderungen nach einem Mitbestimmungsrecht für unsere Betriebsvertretungen zu weif gingen und neben der eigent- lichen Verwaltung noch eine zweite Verwaltungsinstanz schaffe, die Kompetenzslreitigkeiten auslösen könnte und die Durchführung der administrativen Anordnungen behin- dere. Nun, gerade das wollen wir. Wir wollen verhindern, daß dieser oder jener versteckte Militarist oder Faschist Verordnungen erläßt, die den Interessen der Bediensteten ent- gegepstehen und die sich gegen die demokratischen Grund Prinzipien richten. Leute, die sich dem Mitbestim- mungsrecht der Gewerkschaft und deren Betriebsvertretungen ent- gegenstellen, sind keine Demokraten und müssen aus den führenden Stel- lungen entfernt werden. Mit ehr- lichen Demokraten gibt es hierüber keine Meinungsverschiedenheiten. Ganz gleich, ob dieses Mitbestim- mungsrecht bereits durch ein Gesetz erlassen ist oder nicht. Auch sehen diese nicht eine Verwaltung neben der Verwaltung, sondern.' nur ^ine aus demokratischem Geiste verstan- dene Ergänzung und Unterstützung in der Durchführung der großen ge- meinsamen Aufgaben. Wir sind dem ganzen Volk und der Welt gegenüber verpflichtet, im Dienste des Friedens die Konjunktur-Demokraten aus den führenden Stellungen zu entfernt n. Denn diese Herren glauben, ihr ver- räterisches Spiel von 1918 heute wie- derholen zu können. Sie verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit und lassen uns der großen Verant- wortung bewußt werden, die die Ein- heitsgewerkschaften als Bollwerk der Demokratie übernommen haben. Um sie zu rechtfertigen, bedarf es einer revolutionären Umschulung des ge- samten Funktionärstabes. Sie ist ebenso notwendig für den kleinen Funktionär in der Betriebsgruppe wie für die Mitglieder der Haupt- verwaltung. Gestehen wir es offen, daß wir noch große Schwächen ha- ben. Sehr oft zeigt sich auf dereinen Seite hemmungsloser Radikalismus und auf der anderen 'Seite spekula- tiver Opportunismus. Die einen,glau- ben nun, daß wir die Demokratie be- reits verwirklicht haben, sehen aber die Schwierigkeiten und zeitbeding- ten Hemmnisse nicht, die sich der Erfüllung ihrer sozialistischen Wünsche entgegenstellen und vertie- ren sich aus Verärgerung in einer unfruchtbaren Diskussion. Die an- deren sind bei dem geringsten Wider- stand zu Konzessionen und Kompro- missen bereit und lassen sich gerne durch schöne Worte beeinflussen. Beides ist falsch. Das Endresultat ist in beiden Fällen das gleiche: Läh- mung und Erschwerung der Gesamt- arbeit. Den meisten Funktionären fehlt es noch an den notwendigen Einsichten und Kenntnissen, um mit der neuen Lage Schnitt halten zu können. Hier muß unsere Erziehungsarbeit ein- setzen. Die Umformung der Gesell- schaft setzt die Umformung des Menschen voraus. Diese Schulungs- aufgabe kann nach unseren täglichen • Erfahrungen nicht ernst genug ge- nommen werden. Sie ist ein elemen- tarer Bestandteil unserer Gewerk- schaftsarbeit: Es kommt darauf an, den Menschen nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich vom Faschis- mus und damit vom Kapitalismus zu lösen. Diese Trennung erfolgt nicht von selbst, wie manche meinen, ja, sie hält nicht einmal Schritt mit dem Prozeß der wirtschaftlichen und poli- tischen Umgestaltung. Die Erfahrung lehrt vielmehr, daß die Menschen von nichts schwerer loszulösen sind als von althergebrachten Anschau- ungen und Gewohnheiten und daß sie ideologisch dazu neigen, der allen kleinbürgerlichen Welt mit ihren vermeintlichen Annehmlichkeiten verhaftet zu bleiben. Sie sind in ihr so stark verwurzelt, daß sie sich nur zögernd dem Geist einer neuen Zeit zu erschließen bereitfinden. Der Aufbau eines neuen Lebens hängt aber entscheidend von den geistigen und moralischen Kräften und Fähigkeiten ab, die wir für diese Aufgaben einzusetzen vermögen. Das beispielgebende Wirken dieser Kräfte, überzeugendes Wissen und Können, vorbildliche Haltung im Dienst des Gemeinwohls und solida- rische Verbundenheit mit dem schaf- fenden Volk werden für den Erfolg der Gewerkschaftsarbeit ausschlag- gebend sein. Es ist mir klar, daß diese Erzie- hungsarbeit eine schwere sein wird, denn Menschen, die kaum wissen, wie sie ihr Dasein fristen sollen oder die sich in überlanger Arbeitszeit abrackern müssen, haben weder Sinn noch Zeit für gewerkschaftliche Schulungen. Hier muß eine sinnvolle Koordination Platz greifen, deren Erfolg wesentlich von einer Verbes- serung der allgemeinen Lage, der Er- nährung, der Arbeitsbedingungen usw. abhängig ist.