4. Der saarländische „Sonderweg“ Politischer Wiederaufbau zwischen Pragmatismus, Opportunismus und Idealismus Im deutsch besetzten Europa hatten die Kriegsjahre mit Völkermord und Kriegs¬ verbrechen, mit wirtschaftlicher Ausbeutung und flächendeckenden Zerstörungen zehnmillionenfachen Tod, Hunger und Verelendung gebracht. Die deutsche Zivil¬ bevölkerung war zunächst vom Luftkrieg, ab Ende 1944 dann von den Vertreibun¬ gen aus Ost- und Ostmitteleuropa und im Frühjahr 1945 durch die Zerstörungen beim Rückzug der Wehrmacht betroffen. Hunger und Schwarzmarkt traten in Deutschland aber - anders als im besetzten Europa - erst nach Kriegsende voll in Erscheinung. Doch waren die Kriegsschäden in der deutschen Wirtschaft - von Rüstungsbetrieben abgesehen - weitaus geringer als allgemein angenommen. Viel größere Auswirkungen auf die Versorgungslage hatten die massiven Zerstörungen in den Städten sowie am Verkehrs- und Kommunikationsnetz. Die Folgen des Krieges prägten große Teile des Reiches in ähnlicher Weise und ließen kaum Zeit und Kraft für die Verarbeitung der Kriegserlebnisse und die Auseinandersetzung mit den deutschen Kriegsverbrechen. Die Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich beschrieben diese Flucht in den Alltag als „Unfähigkeit zu Trauern“. Regionale Besonderheiten erscheinen demgegenüber eher als Nuancen, erst recht, wenn sie sich auf politische Zusammenhänge bezie¬ hen. Rückzug ins Private, der alltägliche Kampf ums Überleben - diese Themen bestimmten das Leben der Menschen. Dennoch muss erwähnt werden, dass die Kriegswahmehmung an der Saar in besonderem Maße durch die beiden Evakuie¬ rungen bestimmt war. War die erste Evakuierung zu Beginn des Krieges noch weitgehend auf die Bevölkerung der grenznahen „roten Zone“ beschränkt, so kam die zweite im Jahr 1944 aufgrund ihrer katastrophalen Organisation fast schon einer Flucht gleich. Diese Erfahrung blieb allein schon deshalb über das Ende der Kampfhandlungen hinaus prägend, weil die Rückkehr meist privat organisiert werden musste und zudem nur zögerlich von den Besatzungsmächten genehmigt wurde. Die Heimkehr der Zivilisten zog sich dadurch sehr lange hin und dauerte in einzelnen Fällen bis 1947. Ebenso unterschied sich auch die politische Situation im Saarland aufgrund der jüngeren Vergangenheit von anderen Gegenden Deutschlands.3* So lag die Frage nahe, ob die Saarländer mit ihrem eindeutigen Votum für Hitler-Deutschland in der Abstimmung von 1935 nicht zumindest eine Mitschuld trugen an der Festigung des nationalsozialistischen Regimes - und damit letztlich auch an ihrer jetzigen Situa¬ 38 Vgl. Quelle Nr. 19. 68