VI Der Erste Weltkrieg als Zäsur? Organisationsgeschichte in der Nach- und Zwischenkriegszeit i Der Erste Weltkrieg und die europäische Arbeiterbewegung Für Historiker, so befindet Peter Brandt, sei es „fast eine Selbstverständlichkeit geworden, den Ersten Weltkrieg als Beginn eines neuen Zeitalters zu sehen“.261 Entsprechend wur¬ de der Krieg von 1914/18 mit zahlreichen Attributen und Etiketten belegt, die seinen he¬ rausragenden Zäsurcharakter unterstreichen sollen. George F. Kennan sprach, natürlich auch mit Blick auf die Folgejahrzehnte, von der „Urkatastrophe des zo. Jahrhunderts“;262 ebenso gängig ist das Diktum vom „Ende des bürgerlichen Zeitalters“.263 Als Epochen¬ scheide wird der Erste Weltkrieg in der Fachwissenschaft auch dadurch markiert, dass an seinem Ausgang das Ende des »langen 19. Jahrhunderts1 und, analog dazu, der Beginn des ,kurzen zo. Jahrhunderts1 verortet wird.264 Sicherlich sind einige der Etikettierungen recht plakativ formuliert. So ist in der ge¬ schichtswissenschaftlichen Diskussion bis zum heutigen Tag keineswegs sauber geklärt, was unter dem „bürgerlichen Zeitalter“, respektive unter dessen Ende, zu verstehen ist. Außerdem verweist Hans-Gerhard Husung mit Recht auf den Umstand, dass im Ersten Weltkrieg wohl einige Tendenzen zum Durchbruch kamen, dass diese aber schon länger angelegt waren. So habe der Krieg lediglich als eine Art „Amme“ fungiert.26’ Dennoch: Der weltgeschichtliche Umbruchscharakter des Ersten Weltkriegs ist kaum zu über¬ schätzen. In politischer Hinsicht bedeutete er das Ende überkommener staatlicher Ge¬ bilde, unter anderem des Deutschen Kaiserreichs oder der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, parallel dazu verhalt er neuen Nationalstaaten zum Durchbruch. Die bipolare weltpolitische Ordnungsstruktur mit den später dominanten Großmäch¬ ten USA und Sowjetunion war bei Kriegsende bereits vorgezeichnet. Auch in wirt¬ schaftlicher und sozialer Hinsicht zog der Erste Weltkrieg massive Umbrüche nach sich, begann doch eine Epoche verschärfter Krisenerscheinungen, welche frühere Krisen in ihrer Wirkung übertrafen. Erinnert sei an die Hyperinflation der Nachkriegszeit und an die sich ab 19Z9 voll entfaltende Weltwirtschaftskrise sowie an die latent hohe Arbeitslo¬ 261 Brandt 1996, S. 126. 262 Zitiert nach Schulin, Ernst: Die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, in: Michalka, Wolfgang (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Wirkung - Wahrnehmung - Analyse, München 1994, S. 3-2.7, hier S. 3. ü 263 So bei Mommsen, WolfgangJ.: Der Erste Weltkrieg: Anfang vom Ende des bürgerlichen Zeitalters, Bonn 2004. 264 Vgl. Wehler 2003, S. 222-223. 265 Husung, Hans-Gerhard: Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg: Neue For¬ schungen über Deutschland und England. Werner Pöls zum 60. Geburtstag am 15. März 1996, in: Ten- Felde, Klaus (Hrsg.): Arbeiter und Arbeiterbewegung im Vergleich. Berichte zur internationalen histo¬ rischen Forschung (Historische Zeitschrift, Sonderhefte Bd. 13), München 1986, S. 611-664, hier S. 663. 458