Weibliches Mäzenatentum zwischen dynastischer Bestimmung, politischem Kalkül und höfischer Memoria Mathias Herweg 1. Dynastinnen als kulturelle Vermittlerinnen. Einleitende Betrachtungen Die Tatsache, dass Fürstinnen und adlige Damen als Mäzeninnen aküv und kontinuierlich am literarisch-kulturellen Leben des Mittelalters partizipierten, ist bekannt und vielfach belegt.1 Selbst wo sich im Zuge des Aufstiegs höfisch-laikaler Gattungen und des ihnen eingeschriebenen neuen literarischen Frauenbildes die Grenzen zwischen sozialhistori¬ scher Realität und fiktionalem Spiel, das sich als Frauendienst inszeniert und stilisiert, verwischen und die Reklamation weiblicher Gönnerschaft zum Topos wird,2 4 setzt dies die reale Relevanz adliger Leserinnen, Hörerinnen, Sammlerinnen oder Initiatorinnen von Li¬ teratur und Teilhaberinnen an literarischen oder in der Literatur verhandelten Diskursen voraus. Es stellt sich angesichts der bildungs- und kulturhistorischen Prämissen sogar die Frage, ob die Zahl befugter weiblicher Mäzenate ihre tatsächliche Frequenz und damit die Gewichtsverteilung zwischen Mäzenen und Mäzeninnen im Mittelalter glaubwürdig wi¬ derspiegelt. ’ Diese Aspekte, ihre Bedingungsfaktoren und Folgen für eine Sozialgeschichte mittelal¬ terlicher Literatur wurden in der mediävistischen Publikums- und Gönnerforschung im¬ mer wieder erörtert und müssen in dergestalt globaler Perspektive hier nicht weiter ver¬ tieft werden. Das Interesse dieses Beitrags gilt einem spezifischeren Phänomen innerhalb des skizzierten Befundes und einem hierfür besonders markanten Einzelfall. Bevor dieser paradigmatisch ins Zentrum rückt, sind indes einige allgemeine Aspekte zu umreißen, die den Einzelfall als Erscheinung über ihn hinaus wirksamer Dispositionen erst sinnvoll ein¬ zuordnen erlauben. Viele, zeitlich und räumlich breit gestreute Einzelfälle belegen, dass Mäzeninnen über ihren kontinuitätswahrenden Beitrag zum literarischen Leben und zur literarischen Produkti¬ on hinaus immer wieder auch Anstoß gaben, die Pfade der Tradition, des Eingebürgerten und Bekannten zu verlassen, literarisch neue Felder zu erschließen und neue Traditionen zu eröffnen. Im 12. Jahrhundert sind es Namen wie Adeliza-Aelis von Brabant (die zweite 1 Vgl. Bumke, Joachim: Mäzene im Mittelalter. Die Gönner und Auftraggeber der höfischen Literatur in Deutschland 1150-1300, München 1979, S. 231-247 (Kap. 5). Wieder in: Bumke, Joachim (Hg.): Literarisches Mäzenaten¬ tum (Wege der Forschung 598), Darmstadt 1982, S. 371-404. 2 Vgl. hierzu im Überblick einschlägiger (deutscher) Belege Bumke: Mäzene (wie Anm. 1), S. 241 ff. 3 Vgl. Fechter, Werner: Das Publikum der mittelhochdeutschen Dichtung, Heidelberg 1935, passim; Bumke: Mä¬ zene (wie Anm. 1), besonders S. 242-244. 4 Es ist ja denkbar, dass mitunter die wahren Interessentinnen und Inspiratorinnen hinter explizit genann¬ ten, für die Dichter prestigeträchdgeren Männern (wie deren Gatten) zurücktreten, vielleicht auch be¬ wusst sich ,versteckten', um etwa angesichts bestimmter Stoffe und Sujets nicht ,aus der Rolle zu fallen'. Bezeichnend immerhin auch, dass wichtige Gönnerkataloge, so besonders der berühmte sechste Leich des Tannhäuser, keine Gönnerinnen nennen, obgleich in den erfassten Zeiträumen nicht wenige ander¬ weitig belegt sind. 223