Der Überblick hat gezeigt, dass die Ausstattung der beiden Leben-Jesu-Handschriften mit ihren jeweils 40 Miniaturen Ateliers anvertraut waren, die malerisch anspruchsvoll wa¬ ren und selbst vom Text geforderte seltene Motive gekonnt umsetzten. Bei einigen Minia¬ turen zu gleichen Themen verschiebt sich die Bildintention etwas; ob man deshalb auf zwei unterschiedliche Vorlagen schließen muss, die abgemalt wurden, ist schwer zu be¬ antworten. Jedenfalls ist deutlich geworden, dass die beiden Handschriften mit ihrem gleichen Text nicht in einem Atelier entstanden sein können. In Motiv- und Raumauffassung sowie im Dekor verschieden, sind die Codices in Lüttich und Chantilly das Werk verschiedener Ateliers. Die für Elisabeth von Görlitz entstandene Prachthandschrift konnte dem Metzer Atelier des Henri d’Orquevaulz zugeschrieben werden. Für die Handschrift Chantilly be¬ steht noch nicht einmal eine Vermutung, wo sie entstanden sein könnte. Bei der Charak¬ terisierung des Malstils helfen auch die Beobachtungen nicht weiter, dass die weit ausla¬ denden Ranken französisch, aber eher der Zeit um 1420, zugehörig sind. Auch die Ge¬ wandfalten wirken retardierend, mit dem Repertoire des weichen Stils. Vielleicht greifen auch hier die in vergleichbaren Fällen oft vorgetragenen Argumente, dass ein Buchmaler, der ein oder zwei Generationen vor dem Illustrationsauftrag ausge¬ bildet wurde, auch um 1445 noch so malt, wie er es um 1420 gelernt hat, vor allem dann, wenn er keinem großen Atelier angehört, in das immer neue Maler kommen, sondern eher auf sich selbst gestellt ist. Beide Handschriften sind vom Text und von der Bildausstattung fast makellos, mit recht wenigen Schreibfehlern, Korrekturen und Abänderungen. Sie müssen also einer Vorlage gefolgt und von einer gemeinsamen Vorlage abgeschrieben worden sein. Dass die eine Handschrift der anderen als Abschreibevorlage diente, ist indessen eher unwahr¬ scheinlich; dann müssten wohl auch die Bildprogramme enger zusammenstehen. Wer im Trierer Raum außer der Herzogin Elisabeth von Görlitz konnte sich die Anfer¬ tigung einer solchen Prachthandschrift in der Zeit um 1450 leisten, um sich von Text und Bildern gleichermaßen inmndich erwecken zu lassen? Wir wissen es nicht, und blanke Ver¬ mutungen helfen nicht weiter. So muss die Arbeit an den deutschen Michael-von-Massa- Übersetzungen weitergehen, vielleicht zunächst einmal im energischen Voran treiben der von Karl-Ernst Geith ja schon seit langem angekündigten Textedition. Mit kunsthistorischem Instrumentarium müssen sodann die Ausweitungen der Bildzyk¬ len untersucht werden — der hier so genannte ,40er-Zyklus‘ wird ja erweitert auf circa 90, dann sogar auf über 200 Illustrationen. Schon jetzt ist allerdings deutlich, dass die Handschriften in Lüttich und Chantilly in¬ nerhalb der Text- und Bildtradition aufgrund ihrer gehobenen Ausstattung eine Sonder¬ stellung einnehmen — sie sind hübschgemölt und gut geschrieben."' 29 Fasbender, Christoph: „Hübsch gemoit — schlecht geschrieben? Kleine Apologie Handschriften“, in: Zeitschrift für deutsches Altertum 131 (2002) S. 66-78. der Lauber- 120