Gebete zu Gott und Frau Venus Die Rolle der Frauen für Literatur und Kunst im Mittelalter Norbert H. Ott Das Nachdenken über die Gegenstände gerade unserer Fächer ist ein prozesshafter Vor¬ gang, an dessen Ende kaum ein die Ewigkeit überdauerndes Gedankengebäude der auf immer gültigen Wahrheit steht. „Antworten sind immer provisorisch, Fragen können ewig sein“, bemerkte schon 1911 Richard Moritz Meyer. So sollen auch im Folgenden in fünf Beispielketten eher Fragen gestellt als letztgültige Antworten gegeben werden dazu, wie Frauen, klösterliche und adelige, was nicht selten identisch ist, im Mittelalter Literatur und Bildkunst — oder besser: das Zusammenspiel beider Medien — zur Identitätsfindung und zur Definition ihrer gesellschaftlichen Rolle nutzten. Es geht erstens um frühe, meist von Klosterfrauen verantwortete Handschriften mit lateinischen Texten — vorwiegend Psalter- ien — und darin eingefügten Bilderfolgen, die ihrer Beischriften wegen auf einen auch volkssprachlichen Gebrauch schließen lassen und die im Prozess der Emanzipation der Volkssprache hin zu eigenständiger Literarizität eine entscheidende Rolle spielten. Es geht zweitens um Gebet- und Stundenbücher, in die die weiblichen Benutzerinnen oder Auf- traggeberinnen sich nicht nur über die Auswahl der Gebetstexte, sondern auch mit Hilfe der ikonographischen Ausstattung einbrachten. Es geht weiter um die Produktion illu¬ strierter Handschriften - meist für den Eigenbedarf — durch weibliche Produzenten — Sdchwort ,Nonnenmalerei£ - und um die Funktion solcher Produkte in der An¬ dachtspraxis. Viertens geht es um adelige Damen als Benutzer und Auftraggeber nicht nur geistlicher Bilderhandschriften. Find abschließend geht es um für höfische Damen gefer¬ tigte und von ihren benutzte Luxus-Gebrauchsobjekte — Spiegelkapseln, Kämme, Käst¬ chen, Etuis für Schreibtäfelchen — mit aus der Literatur geschöpften Bildthemen. Das alle fünf Beispiele Verbindende ist nicht nur der Bezug auf Frauen als Benutzerinnen, Auf- traggeberinnen oder Produzentinnen — auch für profane Objekte oft klösterliche Produ- zentinnen —, sondern auch der intermediale Bezug dieser Objekte zwischen Literatur und Bildkunst: Gerade in der untrennbaren Verbindung beider Medien, in ihrem wech¬ selseitigen Zusammenwirken, lag wohl ihr Appellcharakter, ihre Verfügbarkeit zur selbsti- dentifikatorischen Nutzung. 1. Frauen als Vermittler: Volkssprache auf dem Weg zur Literarizität Am Anfang der Verschriftlichung der lange nur mündlich tradierten und/oder mit redu¬ ziertem Literarizitätsanspruch einher kommenden deutschsprachigen Literatur stand das Bild - und standen Frauen, vorwiegend Frauen in Klöstern. Anhand einer Reihe illustrier¬ ter lateinischer Handschriften mit volkssprachlichen Einsprengseln lässt sich diese These belegen.1 Aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts sind zwei für die Chorfrauen des 1 An anderem Ort habe ich diese Befunde ausführlicher dargestellt. Siehe Ott, Norbert H: „Vermittlungs¬ instanz Bild. Volkssprachliche Texte auf dem Weg zur Literarizität“, in: Wolfgang Haubrichs / Klaus Ridder / Eckart Conrad Lutz (Hg.): Text und Text in lateinischer und volkssprachlicher Überlieferung des Mittelal- 17