Am Herd wie am Hochofen Saarländische Frauen zwischen Haus- und Industriearbeit im 20. Jahrhundert Susanne Nimmesgern Zu Anfang des 20. Jahrhunderts stellte Ahasgar von Brandt in seiner Studie zur "sozialen Entwicklung im Saargebiet" fest, dass gewerbliche Frauenarbeit nicht allgemein üblich sei, da die Industrie keine Verwendung für weibliche Arbeits¬ kräfte habe, und fuhr fort, dass sich die Frauen aufgrund der ausreichenden Föhne ihrer Männer "ganz dem Haushalt und der Erziehung ihrer Kinder wid¬ men" könnten.1 Mit dieser damals populären Einschätzung, das wird in den folgenden Aus¬ führungen noch zu zeigen sein, wurde der Blick auf die Realität unterbürgerli¬ cher Familien verstellt, weite Bereiche weiblicher (Erwerbs-)Arbeit blieben der Betrachtung entzogen. Wenn man sich jedoch die Mühe macht, etwas genauer hinzuschauen, wird deutlich, dass Frauen auch in der Saarregion in großer Zahl Fohnarbeit verrichteten, sei es als Fabrikarbeiterin oder nach der Heirat mit häuslichen Dienstleistungen für Familienfremde. Darin erschöpfte sich der Beitrag der saarländischen Frauen am Industrialisierungsprozess aber noch nicht. Ganz anders, als die oben zitierte Einschätzung suggeriert, entsprach im frühen 20. Jahrhundert der Alltag von Arbeiterfrauen nicht dem, was wir heute darunter verstehen, ln der Regel betrieben sie eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft und subventionierten damit neben den oben erwähnten häuslichen Dienst¬ leistungen den gar nicht so üppigen Föhn der Männer. Durch ihre Tätigkeit in Haus und Fandwirtschaft schufen die Frauen zudem die Voraussetzungen, dass ihre Männer sorgenfrei der Erwerbsarbeit nachgehen konnten - ein Faktor, dem Staat, Kirche und Unternehmern große Bedeutung beimaßen. Während die häusliche Arbeit der Arbeiterfrauen in neueren Studien zur Industriekultur wenigstens gestreift wurde oder hier und da sogar ein Extra-Kapitel erhielt, besteht weitgehende Unwissenheit über das Dasein der Fabrikarbeiterinnen. Was Wunder, die saarländische Industrialisierung war dominant geprägt vom Berg¬ bau und Hüttenwesen, Frauen spielten in diesen Bereichen eine eher marginale Rolle. Die Spurensuche gestaltet sich darüber hinaus als ungeheuer schwierig, denn Statistiken über die Belegschaft waren oft nicht nach Geschlechtern aufge¬ schlüsselt. Selbst bei Unternehmen, die nachweislich Frauen beschäftigten, verschwinden diese hinter geschlechtsneutralen Formulierungen. Nicht zuletzt arbeiteten Frauen vorwiegend in mittelständischen Betrieben, die meist nicht 1 Ahasgar von Brandt, Zur sozialen Lage im Saargebiet. Leipzig 1904, S. 93. 273