Ludwig Elle Grenzgängerprobleme aus sorbischer Sicht 1. Sorbisch-slawische Wechselbeziehungen - historischer Hintergrund zur Grenzgängerproblematik aus sorbischer Sicht Ich möchte mich in meinem Beitrag einem Problemfeld zuwenden, welches in der sorbischen Geschichtsschreibung und aus ethnologischer Sicht bisher kaum behan¬ delt wurde. Es geht um die „Grenzgänge“ von Sorben in den ersten Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Zunächst sind jedoch einige Vorbemerkungen erfor¬ derlich: 1. Die Sorben sind ein autochthones slawisches Volk in der Lausitz nahe den Gren¬ zen zu Polen und Tschechien. Sie sind jedoch keine Grenzminderheit, wie z. B. die Dänen in Deutschland oder die Deutschen in Dänemark. Weder sind Polen bzw. Tschechien sogenannte „Muttervölker“ oder „Mutterstaaten“ für die Sorben, noch leben jenseits der Grenzen autochthone sorbische Bevölkemngsgmppen. Das lau- sitzisch-slawische Siedlungsgebiet der Sorben reicht nicht einmal bis zur tsche¬ chischen und nur zu einem geringen Teil stößt es bis an die polnische Grenze. Dar¬ über hinaus bestand auch durch die vormals überwiegend deutsche Besiedlung der Gebiete jenseits der Grenze nie eine unmittelbare Verbindung zu den slawischen Nachbarvölkern. 2. In der Geschichte der sorbischen Nationalbewegung spielten Verbindungen zu sla¬ wischen Völkern immer eine wichtige Rolle. Ab den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts kann von der Herausbildung einer spezifischen sorbisch-slawischen Wechselseitigkeit gesprochen werden. Zwischen den geistigen Trägem der sorbi¬ schen Nationalbewegung und vergleichbaren Bewegungen unter den Polen, Tschechen, Slowaken, Serben und Slowenen entwickelten sich vielfältige Kon¬ takte1, „Grenzgänger“ wurden im vergangenen Jahrhundert sorbische Studierende auch deshalb, weil Breslau und Prag zu bevorzugten Studienorten junger Sorben gehörten. In Prag bestand das Sorbische Seminar als Bildungsstätte sorbischer ka¬ tholischer Geistlicher bis anfangs der 1920er Jahre. Diese „Grenzgänge“ forderten Begegnungen und Kontakte mit Angehörigen anderer slawischer Völker und die Herausbildung einer spezifischen slawischen Solidarität. 3. Diese hier nur grob umrissene Entwicklung im 19. Jahrhundert brachte es mit sich, daß in Teilen der sorbischen Nationalbewegung vor allem nach dem Ende des Er¬ sten Weltkrieges und der Entstehung des tschechoslowakischen Staates Erwartun¬ gen genährt wurden, daß dieser neue Staat eine Patronatsfunktion über eine auto¬ nome politische Struktur in der Lausitz ausüben würde oder die Lausitz ihm ange¬ schlossen werden könnte. Der Historiker Friedrich Remes stellt die tschechische ' Martin Völkel, Die Bedeutung der sorbisch-slawischen Beziehungen in der Geschichte der Sorben, in: Domowina Information, Bautzen 1996, S. 17 - 26. 125