werb Neuerungen und Innovationen zu erlernen,13 damit er seine eigene heimatliche Werkstatt mit dem Know-how der führenden Gewerberegionen bereichern konnte. Ein derart hohes Maß an individueller Flexibilität und Mobilität ließe sich durchaus auch für moderne Umbruchzeiten als wirksamstes Mittel postulieren, wenn man den Anschluß an technische und künstlerische Neuerungen sucht. Anders steht es mit Arbeitskräften, die mitunter von weit her kamen, um in der Frem¬ de zu arbeiten, und die dann über Grenzen hinweg nach Hause zu ihren Familien zu¬ rückkehrten mit dem Ertrag ihrer Arbeit. Zumeist handelt es sich um saisonale Wan¬ derarbeiter, wie es anhand von vier Gruppen beispielhaft verdeutlicht werden kann. Charakteristisch für sie alle ist zunächst die Wanderung vorzugsweise in benachbarte Regionen, ferner die Tatsache, daß sie aus Gebieten mit geringem Arbeitsangebot stammen und deshalb in der Fremde als billige Arbeitskräfte dienen. Wichtig ist zu¬ sätzlich, daß die erarbeiteten Gelder im wesentlichen für die Zeit der Erwerbslosig¬ keit aufgespart werden und dann in der Heimat zumeist einen bedeutsamen Wirt¬ schaftsfaktor darstellen. Schließlich bilden sich über längere Zeiträume oft Traditio¬ nen hinsichtlich der Herkunfts- und Zielorte, auch spezieller Tätigkeiten. Mancher¬ orts lassen sich Ansätze solcher Traditionen bis ins Spätmittelalter zurückverfolgen. Über eine ggf. sogar relevante Dunkelziffer läßt sich allerdings nur spekulieren. Rolf Sprandel gibt in seiner Studie über “Die Ausbreitung des deutschen Handwerks im mittelalterlichen Frankreich” Hinweise auf Ausdrücke der französischen Bergmann¬ sprache, die - wenngleich sie sich nicht voll durchgesetzt haben - am jeweiligen Ort “als direktes Zeugnis der Tätigkeit deutscher Bergleute” verstanden werden dürf ten.14 So stamme beispielsweise gousse oder gueuse als Bezeichnung für die im Schmelzverfahren gewonnenen Roheisenklumpen von “gießen, Guß". Noch im Spätmittelalter sei das Abstichloch eines Schmelzofens Gosse genannt worden. Das Beispiel zeigt, daß kultureller Niederschlag im sprachlichen Bereich nachweisbar sein kann und daß bei sorgfältiger Beobachtung durchaus die Chance besteht, trotz des Mangels an einschlägigen Quellen Aufschlüsse zu erzielen. Sieht man ferner von vereinzelten Belegen etwa für polnische Wanderarbeiter in thü¬ ringischen Waidkulturen,15 von denen insbesondere die Färber in der Erfurter Metro¬ pole offenbar seit dem 14. Jahrhundert schon profitierten, einmal ab und läßt man die Wanderarbeiter in der fruchtbaren Wetterau ebenso unberücksichtigt, so konzentriert sich unser Interesse auf vier große Gruppen von Grenzgängern. Seit dem Aufkom¬ men von Eisenbahnen entwickelten sie sich zu relevanten Größenordnungen, erfuh¬ 13 Knut Schulz, Handwerk im spätmittelalterlichen Europa. Zur Wanderung und Ausbildung von Lehrlingen in der Fremde, in: Jahrbuch des Historischen Kollegs 1996, S,69-97. - Vf. spricht sogar von “Zweit- und Drittlehre” (S.81 -83). Belegt sind u.a. das Erlernen der Kunst des Scherenschleifens (S.81), das Erwerben von Spezialkenntnissen in der Färber-Kunst, der Tapisserie, im Buchdruck usw. (S.84). 14 Rolf Sprandel, Die Ausbreitung des deutschen Handwerks im mittelalterlichen Frankreich, in: Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 51 (1964) S.80. 15 Zur Waidproduktion s. Wieland Held, Das Landgebiet Erfurts und die Ökonomik der Stadt in der frühen Neuzeit, in: Erfurt. Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Ulman Weiß (Wei¬ mar 1995) S.464f. und Rudolf Endres, Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Erfurt und Nürnberg im Mittelalter, ebd. S.476-481. 14