2. Wenn wir schon bei der Suche nach Analogien sind, so bietet sich eine an: es gibt historische Ähnlichkeiten im Prozeß, welcher als „Drang nach Osten“ be¬ zeichnet wird. Man muß betonen, daß es nicht nur einen deutschen, sondern auch einen polnischen Drang nach Osten gegeben hat: die weniger besiedelten Gebiete jenseits der Grenzen haben deutsche und polnische Ansiedler zum Um¬ zug gelockt, was durch die Politik mittelalterlicher Landesherren begünstigt wurde. Einen vereinfachenden Sprung in die zeitgenössische Situation riskierend, könnten wir die Bevölkerungsgruppen deutscher Herkunft in Schlesien und im ehemaligen Ostpreußen mit der Bevölkerung polnischer Herkunft in ehemaligen Randgebieten im Osten Polens gegenüberstellen: im heutigen Litauen, in Wei߬ rußland und in der Ukraine. Es wären folgende Parallelen zu nennen: - in beiden Fällen handelt es sich um eine ursprünglich eingewanderte Be¬ völkerung; - es haben in der Vergangenheit, unter unterschiedlichen historisch-politi¬ schen Umständen, Germanisierungs- bzw. Polonisierungsprozesse unter der einheimischen Bevölkerung stattgefunden - Konsequenzen dieser die Sprachen betreffenden Prozesse sind auch für das Nationalbewußtsein be¬ deutsam; - nach dem zweiten Weltkrieg hat eine Massenumsiedlung stattgefunden (in Polen falsch repatriacja .Repatriierung4 genannt, in Deutschland als Flucht und Vertreibung bezeichnet (die deutschen Nachkriegsstatistiken machen Angaben über „Vertriebene“); man kann diesbezüglich von einer Sieger- bzw. Besiegtenrhetorik reden). - die gegenwärtige Lage der Bevölkerung, die geblieben ist, hat sich derartig verändert, daß wir als Folge davon heute Deutsche, die kein Deutsch spre¬ chen, und Polen, die kein Polnisch mehr können, anzuerkennen haben. 3.1. Ein besonderes linguistisches Interesse erregt in Polen die Spracherhaltung der polnischen Emigranten und derjenigen Polen, die sich nach dem zweiten Weltkrieg außerhalb der neuen Staatsgrenzen befunden haben. Es fehlen natür¬ lich genaue und glaubwürdige statistische Angaben, weil es um eine weltweit zerstreute Population geht. Schätzungsweise sind es wenigstens zehn Millionen Menschen, was im Vergleich mit 38 Mio. Bürgern im Inland einen wesentli¬ chen Prozentsatz darstellt. 3.2. In bezug auf Migranten und ihre Nachkommen wird der lateinische Name POLONIA verwendet - die Polen im Ausland. Inhaltlich ist der Begriff „Polonia“ ziemlich diffus. Es wird darunter eine Diaspora verstanden, die, un¬ abhängig von Geburtsort und Staatsbürgerschaft, sich geistig mit Polen als ih¬ rem Herkunftsland verbunden fühlt. Dieses Gefühl der Verbundenheit muß nicht unbedingt von Polnischkenntnissen begleitet sein; es ist aber anzunehmen, 306