Max Pfister Privilegierte und unterprivilegierte sprachliche Minderheiten in Südtirol und im östlichen Oberitalien Es gibt verschiedene sprachliche Minderheiten im östlichen Oberitalien. Des¬ halb muß ich zuerst diejenigen ausklammem, über die ich nicht sprechen werde, z.B. die Sprache der ca. 700.000 Friulaner, die im Nordwesten Italiens leben mit Zentrum in Udine (Karte 3). Auch die sog. zimbrischen Mundarten von Lusem, östlich von Trient, die Sprache der Fersentaler (Mocheni) oder die Sprachkolonien von Sappada, Sauris und Timau stehen diesmal nicht im Blick¬ feld, obschon diese interessanten altbairischen Dialekte mit ihren zahlreichen Interferenzerscheinungen mich besonders faszinieren; sie werden nur noch von wenigen Hundert Sprechern aktiv und passiv beherrscht (Pfister 1989, 97 ff.). Bei Minderheiten in Südtirol denkt man unwillkürlich an die tirolisch spre¬ chenden Bewohner im Etsch-, Eisack- und Pustertal oder im Vintschgau. Nach der letzten Volkszählung in diesen Gebieten handelt es sich bei den Deutsch sprechenden Südtirolem aber nicht um Minderheiten, sondern um Mehrheiten (67%). In Südtirol bilden die Italienisch Sprechenden die sprachliche Minder¬ heit. Hinzu kommt eine romanische Minderheit, die in Südtirol 4 % der Bevöl¬ kerung ausmacht, welche die sog. zentralladinische Sprache spricht. Reinhard Olt hat in der FAZ vom 2.7.1987 einen Artikel verfaßt, der den Titel trägt Vergessenes Alpenvolk - die Ladiner, er schreibt darin: „Unter der Südtirol- Frage wird der Konflikt zwischen deutsch- und italienischsprachigen Bewoh¬ nern des Landes und die Auseinandersetzung zwischen Bozen und Rom über die Erfüllung des Pariser Abkommens von 1946 und die Autonomie-bestim- mungen von 1948 und 1972 verstanden. Eine Volksgruppe wird dabei nur sel¬ ten erwähnt: die Ladiner.“ Wer sind nun diese sog. Ladiner? Reinhard Olt fügt im FAZ-Artikel die Karte 1 bei und schreibt: „Die Ladiner sind unmittelbare Nachfahren der Räter, der Ureinwohner der Alpen. Ihre Sprache ist ein eigenständiges romanisches Idiom. Als das Imperium Romanum untergegangen war, wurde der Alpenraum von mehreren Völkerwanderungsschüben heimgesucht, von Germanen und Slawen besetzt. Das Land zwischen Brenner und Salumer Klause blieb bis um 600 n. Chr. ladinisch, bis Franken und Bajuwaren den Alpenhauptkamm überschritten. In den folgenden Jahrhunderten wurden weite Gebiete Südtirols nach und nach germanisiert. Etwa um 1000 herrschten deutsche Stammessprachen vor. Die 183