Garant dieser Sonderregelungen wird quasi automatisch der Zentralstaat, dem auch sonst in der Regel erhebliche Eingriffsbefugnisse verbleiben (siehe dazu Oeter 1994, 512 ff.). Während die mit Autonomie ausgestattete Volksgruppe nach Übertragung von weiteren Kompetenzen verlangen wird, versuchen die zentralen Bürokratien des Gesamtstaates üblicherweise, die Kompetenzübertra¬ gungen möglichst begrenzt zu halten, rechtlich wenig verfestigt (und damit rücknehmbar), zudem mit weitreichenden Aufsichts-, Kontroll- und Eingriffs¬ befugnissen gekoppelt (siehe dazu das Beispiel Südtirol, Ermacora 1991, 119 ff.). Die dabei unweigerlich auftretende Verflechtung von Kompetenzen und Aufgaben bedingt erhebliches Konfliktpotential. Der nunmehr seit gut zehn Jahren laufende Prozeß der Übertragung staatlicher Aufgaben an die in den achtziger Jahren neugegründeten Autonomen Gemeinschaften in Spanien liefert umfangreiches Anschauungsmaterial der in der Folge auftretenden Probleme (vgl. Oeter 1993, 402 ff. m.w.N.), ebenso wie der sich nun über Jahrzehnte hinziehende Streit um das Autonomiepaket für Südtirol (vgl. dazu nur Ermacora 1991, 89 ff.). Ein gehöriges Maß an Kompromißbereitschaft wird dabei von allen Seiten verlangt, Kompromißfähigkeit, die weder bei Minderhei¬ ten noch bei zentralen Staatsapparaten immer von Anfang an vorhanden sein wird. Hilfreich kann dabei als neutraler Mittler ein Verfassungsgericht sein, unter der Bedingung, daß die Verfassung, als deren autoritativer Interpret das Gericht auftritt, tatsächlich einen allseits akzeptierten historischen Kompromiß1 zwi¬ schen Mehrheit und Minderheit darstellt (Oeter 1994, 513). Voraussetzung ist allerdings weiter, daß das Verfassungsgericht die entstehenden Strukturen sub¬ sidiärer Aufgabenerfüllung auch tatsächlich im Sinne einer Herstellung födera¬ ler Balance ernst nimmt - und dies ist wohl nur zu erwarten, wenn der Ge¬ samtstaat insgesamt ernsthafte Schritte der Dezentralisierung unternimmt, also ein flächendeckendes System autonomer Regionen mit Tendenzen zu bundes¬ staatlichen Strukturen entsteht. Dies war im letzten Jahrzehnt in Spanien und in Belgien der Fall; dort haben jeweils die Verfassungsgerichte eine überaus kon¬ struktive Rolle gespielt. In prinzipiell in unitarischen Strukturen verharrenden Staaten, die Territorialautonomie nur punktuell als Lösung zugunsten einzelner Randminderheiten einsetzen, wird dagegen das (zentrale) Verfassungsgericht kaum als ,neutraler* Mittler auftreten können. Die Autonomielösungen bleiben hier widerwillig geschaffene Sonderfälle, Randerscheinungen, die aus techno¬ kratischer Perspektive eher als Störquellen wahrgenommen werden denn als positive Modellfälle. Daß derartige Sichtweisen auch vor Verfassungsrichtem nicht haltmachen, zeigen anschaulich die Probleme, die die Südtiroler Auto¬ nomisten immer wieder mit dem italienischen Verfassungsgericht hatten (siehe dazu Ermacora 1991, 120 ff.). Insgesamt läßt sich wohl als Erfahrungssatz formulieren, daß Autonomielösun¬ gen auf Dauer nur funktionieren, wenn sie nicht als störende Privilegien zu¬ gunsten einzelner Gruppen verstanden werden, sondern als eine grundlegende 57