Diese Arbeit dagegen will wenigstens in Ansätzen versuchen, aufzuzeigen, daß verschiedene Formen von Grenzen, lineare oder aus Säumen oder aus Mischgebie¬ ten bestehende Grenzen, von Anfang an möglich waren, daß die verschiedenen Formen jeweils ganz bestimmten historischen Situationen - soweit wir sie jetzt schon zu erkennen vermögen - ihr Erscheinen verdanken, ja, daß die "allmähliche Verfertigung" von Sprachgrenzen nur aus dem Widerspiel von Geschichte und natürlichen Voraussetzungen einer Landschaft zu verstehen ist. So wird hier am Beispiel der Kontakt- und Sprachgrenzzonen zwischen Germania und Romania die Rede sein von:2 1. den Erscheinungs formen der Grenzen3 2. dem Verhältnis von Sprachgrenze als einem kulturellen Grenztypus zu an¬ deren Grenz typen, wie politischen oder sog. "natürlichen", physikali¬ schen Grenzen4 2 Neuere Arbeiten zu Theorie, Typologie und Phänomenologie von Grenzen gibt es nur wenige; stellver¬ tretend für verschiedenste Interpretationsansätze verschiedener Wissenschaften seien genannt: Lucien Febvre, "Frontière - Wort und Bedeutung" (1928), in: Ders., Das Gewissen des Historikers, Berlin 1988, S. 27-37; G. Franz (Hg.), Grenzbildende Faktoren in der Geschichte (= Historische Raumfor¬ schung 7, Forschungs- und Sitzungsberichte, Veröff. der Akademie für Raumforschung und Landespla¬ nung 48), Hannover 1969; P. Guichonnet/C. Raffestin, Géographie des frontières, Paris 1974; W. Brü- cher/P.R. Franke (Hgg.), Probleme von Grenzregionen. Das Beispiel Saar-Lor-Lux-Raum, Saarbrük- ken 1987. 3 Eine historische Phänomenologie von Grenzen gehört zu den Desideraten der Grenzforschung. Tentativ kann man beim gegenwärtigen Forschungsstand zwei Grundformen unterscheiden: disperse und lineare Strukturen. Unter dispersen Grenzstrukturen können Grenzbildungen verstanden werden, die nicht an ei¬ ner Linie festgemacht werden können, sondern mehr oder minder durchmischte Räume darstellen, in de¬ nen die sich abgrenzenden Objekte nebeneinander vorhanden sind. Man kann von "Grenzsäumen" oder "Übergangsräumen" sprechen. Unter 'linearen' Grenzstrukturen dagegen können solche Grenzbildungen verstanden werden, die an einer Linie festzumachen sind oder doch von der Vorstellung einer Linie aus¬ gehen, ohne daß diese praktisch realisiert sein müßte. Entgegen verbreiteten Meinungen, die von einer genetischen Entwicklung der linearen' Grenzen aus Grenzzonen ausgehen, läßt sich der Versuch, Gren¬ zen linienförmig abzustecken, bereits für das frühe Mittelalter, wenn auch zumeist bei kleinräumigen Gebilden, belegen. Neben diesen beiden Typen existieren Sonderformen wie etwa die 'Gürtelgrenze' (z.B. konkretisiert in Formen wie 'Grenzwald', 'Grenzwüste'). Es handelt sich um die künstliche, intentionale Anlage physikalischer Grenzen (vgl. Anm. 4). 4 Auch die Typologie von Grenzen bleibt bisher weitgehend Forschungsdesiderat. Man kann grob unter¬ scheiden: erstens physikalische Grenzen (Berge, Gewässer etc.), die man auch "natürliche" Grenzen nen¬ nen könnte, wenn mit diesem Begriff nicht tiefgreifender Mißbrauch betrieben worden wäre, die jeden¬ falls Wirkungen auf den Menschen und sein Handeln erzielen, indem sie seine Ausbreitung bzw. die Raschheit des Verkehrs usw. hemmen. Grenzen, die aus intentionalem Handeln im Verlauf eines oder mehrerer setzender Akte entstanden, ließen sich zweitens als dezisionäre Grenzen (z.B. "politische", "kirchliche" u.ä. Grenzen) bezeichnen Es existieren drittens Grenzen, die sich weder natürlichen Prozes¬ sen noch dezisionären Akten verdanken, sondern auf einer Art Genese der "unsichtbaren Hand" - um mich mit Adam Smith auszudrücken - beruhen, in der viele kleine individuelle intentionale Akte zu einer 100