Wolfgang Haubrichs ÜBER DIE ALLMÄHLICHE VERFERTIGUNG VON SPRACHGRENZEN. Das Beispiel der Kontaktzonen von Germania und Romania Wer die heutigen Grenzen zwischen den westeuropäischen Nationalsprachen in Augenschein nimmt, wird feststellen, daß diese Grenzen durchweg zur Linearität tendieren und dabei auf Linien aufzuruhen scheinen, die sehr weit in die Geschich¬ te, meist in das Mitttelalter zurückreichen, Linien, die sich in der Neuzeit nur we¬ nig verschoben und die sich nur in wenigen Fällen - denken wir an Südtirol und Elsaß oder Lothringen - durch Ereignisse aus dem Endstadium der Nationenbil¬ dung erneut zu komplexeren Gebilden umwandeln. Sehen wir dagegen auf die Sprachenverhältnisse des östlichen Mitteleuropas und Osteuropas, so erscheint diese Komplexität, das ineinander Verwobensein, das wie Finger zweier Hände in- einandergreifende Nebeneinander von Sprachen, die Mischung, die Interferenz, der Bilingualismus fast als das Normale. Aus westeuropäischer Perspektive könnte man leicht geneigt sein, die Entwicklung aus sprachlich durchmischten Räumen zu sprachlich entmischten Räumen, zur Linearität von Sprachgrenzen also, für ei¬ ne Progression zu halten, die nahezu unausweichlich ist. Neuzeitliche For¬ schungstermini wie "Ausgleichsgrenze", die von einem Modell des Konfliktes, ja des "Kampfes" von Sprachen ausgehen, legen solche Meinung zusätzlich nahe.1 ^ Diese quasi-militärische Terminologie ist vor allem in der 'Rheinischen Schule’ der Kulturraumforschung, in den Arbeiten von Fritz Steinbach, Theodor Frings und Franz Petri aus den dreißiger und vierziger Jahren dieses Jahrhunderts entwickelt worden. Sie sind bibliographisch zu erfassen über den späteren Forschungsbericht von F. Petri (Hg.), Die fränkische Landnahme und die Entstehung der germanisch¬ romanischen Sprachgrenze in der interdisziplinären Diskussion, Darmstadt 1977. Materialien zur Weiterentwicklung der Ansätze der 'Rheinischen Schule' auf dem Boden der Ortsnamenforschung im belgisch-französischen Sprachgrenzraum bieten die Arbeiten von Henri Draye, "Der Ortsnamenausgleich als methodologisches Problem der frühmittelalterlichen Sprach- und Siedlungsforschung am Beispiel des belgischen Materials aus dem Sprachgrenzgebiet", in: Rheinische Vierteljahrsblätter 35 (1971), S. 68- 74; Ders., "Die Namenforschung und der germanisch-romanische Sprachkontakt im Frühmittelalter im heutigen Belgien", in: Noma-Rapporter 17 (Uppsala 1980), S. 211-227; Ders., "Probleme der Namen¬ forschung in den Sprachgrenzräumen Belgiens", in: W. Haubrichs/H. Ramge (Hgg.), Zwischen den Sprachen. Siedlungs- und Flurnamen in germanisch-romanischen Grenzgebieten, Saarbrücken 1983, S. 59-70; ferner: G. Grober-Glück, "Die Leistungen der kulturmorphologischen Betrachtungsweise im Rahmen dialektgeographischer Interpretationsverfahren", in: W. Besch (Hg.), Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung, 1. Halbbd., Berlin/New York 1982, S. 92-113. Zur Kritik an den Konzepten der 'Rheinischen Schule' bezüglich der germanischen Besiedlung Nordfrankreichs und der Sprachgrenzbildung vgl. W. Haubrichs, "Germania Submersa Zu Fragen der Quantität und Dauer germanischer Siedlungsinseln im romanischen Lothringen und in Südbelgien", in: Verborum Amor. Festschrift St. Sonderegger, Berlin/New York, 1992, S. 633-666. 99