Max Pfister Grenzbezeichnungen im Italoromanischen und Galloromanischen Grenzbezeichnungen gehören zu den ältesten sprachlichen Äußerungen, die wir besitzen. Grenzzeugnisse sind uns seit dem Jahr 2600 v. Chr. überliefert: Die im Louvre aufgestellte Geierstele des Königs Eannatum von Lagasch im Südlibanon enthält in sumerischer Keilschrift Angaben über Grenzkriege und über eine Grenzziehung1. Seit wenigstens dem 3. Jahrhundert v. Chr. vermaßen die römischen Agrimensores Grundstücke in ihrem Herrschaftsbereich und verwen¬ deten dabei Ausdrücke, die z.T. in den romanischen Sprachen weiterleben1 2. Die ältesten Grenzen sind wahrscheinlich Wasserläufe, schwer überwindliche Berge und ausgedehnte Wälder. Wenn schon in frühmittelalterlichen Quellen Ausdrücke für künstliche Grenz¬ zeichen auftreten, so muß es auch künstliche Grenzen gegeben haben. Aufge¬ worfene Raine, markierte Steine und bezeichnete Bäume als Grenzmale werden in den merowingerzeitlichen Volksrechten aufgeführt3. Wolfgang Metz schreibt im 'Lexikon des Mittelalters' s.v. Grenze: "Feste Grenzen sind zunächst unbekannt." Dies mag noch für Stammesgrenzen im Altertum zutreffen, z.B. Caesar, 'Bellum gallicum' VI 23.1: "vastatis finibus", oder IV 3.1: "latissime a suis finibus vacare agros". Aber schon für die Karolingerzeit stellt Reinhard Bauer fest (S. 245): "Es ist bereits im 8. Jh. stets, selbst in unwegsamen Gebieten, von ziemlich genau bestimmbaren Grenzlinien auszugehen, kaum von breiten Grenzsäumen unbebauten Landes."4 Anhand der Bezeichnung fines bei Caesar können wir mit der Detailuntersuchung einiger Grenzbezeichnungen beginnen. 1 .fines Diese bei Caesar übliche Pluralform fines lebt im Romanischen nur beschränkt weiter. Wir finden sie im Ortsnamen PJyn (ad fines), Grenzbezeichnung zwischen den beiden römischen Provinzen Gallia Belgica und Raetia Prima, einer Grenze also, die vom Untersee über Pfyn nach Süden und über die Höhen des Glämisch und Tödi nach dem Gotthard verlief (Bruckner, S. 16). 1 F. Thureau-Dangin, Die sumerischen und akkadischen Königsinschriften. Leipzig 1907, lQff., 36ff, 2 Cfr. U. Heimberg, "Römische Flur und Flurvermessung", in: Untersuchungen zur eisenzeitlichen und frühmittelalterlichen Flur in Mitteleuropa und ihrer Nutzung. Bericht über die Kolloquien der Kommission für die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas in den Jahren 1975 und 1976, hrsg. von H. Beck, D. Denecke und H. Jankuhn, Teil 1, Göttingen 1979, S. 141-195, 3 Lex Alamannorum, Kap. LXXXI; Lex Burgundiorum, Kap. XXXIX: arbores terminales, que decusas accipiunt; Lee Visigothorum, Kap. VIII,61 und Kap. X,3,3; LexBaiuvariorum, Kap. XII,4. 4 Cfr. zu den karolingischen Grenzmarken Lipp, Grenzsystem. 37