Strukturen und einem der Weimarer Linken ansonsten recht fremd bleibenden Antiautoritarismus. Im Saargebiet, das im folgenden näher betrachtet werden soll, lassen sich die Anfänge des Syndikalismus auf 1919 datieren. „Einige unzufrieden gewordene sozialdemokratisch und ,frei ‘-gewerkschaftlich organisierte Berg- und Metallarbei¬ ter aus Dudweiler und Dillingen traten persönlich und schriftlich mit mir, repektiv der rheinisch-westfälischen Agitationskommission in Verbindung“, schrieb deren Vorsitzender, der Düsseldorfer Fliesenleger Carl Windhoff, 1921; „im Sommer 1919 bildeten sich die ersten Ortsgruppen“9. Der Kapp-Putsch und die militärische Niederwerfung der „Roten Ruhrarmee“ im März 192010 brachten der jungen Organisation erhebliche Verstärkung, da „die einsetzenden Verfolgungen“, so Windhoff, „nun mehrere im Ruhrgebiet in der syndikalistischen Bewegung tätig gewesene Genossen, gebürtige Saarländer, in ihre Heimat zurück(warfen)“1Einer von ihnen, der 1879 in Rappweiler geborene Bergarbeiter Nikolaus Mühlhausen, trat an die Spitze der Anfang 1921 in Saarbrücken gebildeten Agitationskommis¬ sion, mit der sich das Saargebiet organisatorisch verselbständigte12. 1921 dürfte der FAUD-Bezirk Saargebiet mit 1546 Mitgliedern und 13 Ortsverei¬ nen bereits den Zenit seiner Entwicklung erreicht haben13. Dies waren zwar nur 2,1 % der reichsweit 71 747 Mitglieder der FAUD, gleichwohl lag man damit noch vor Nordwestdeutschland und Schlesien. Der Schwerpunkt der Organisation aber hatte sich nunmehr eindeutig von Berlin auf den Bezirk Rheinland-Westfalen mit seinen Hochburgen im Ruhrgebiet, in Düsseldorf und Wuppertal verlagert; die dort ansässigen 57 217 Mitglieder machten 1921 allein 79,7 % der gesamten FAUD aus14. In ihrer Organisationsstruktur lehnte sich die FAUD eng an das französische Vorbild an: Die nach Berufen, später nach Industriezweigen zusammengestellten Ortsvereine kooperierten lokal in Arbeiterbörsen - den Gewerkschaftskartellen vergleichbar - miteinander, die ihrerseits Kreis- und Provinzialarbeiterbörsen bildeten. Gleichzeitig schlossen sich die Ortsvereine auf Reichsebene über Indu¬ strieföderationen zusammen15. Da jedoch vielerorts die Mitgliederzahlen nicht zur Konstituierung eines solch komplexen, ganz am frühgewerkschaftlichen Berufsver¬ bandsprinzip orientierten Organisationsgefüges ausreichten, gründete man statt der Ortsvereine oft „Freie Vereinigungen aller Berufe“, aus denen sich mit der Zeit 9 Die Schöpfung v. 3.8.1921 („Syndikalistische Agitationsreisen und ihre Schwierigkeiten“). 10 Vgl. E. LuCAS, Märzrevolution im Ruhrgebiet, 3 Bde, Frankfurt/M. 1970, 1973, 1978. 11 Wie Anm. 9. 12 Meldekarte Stadtarchiv Saarbrücken; das von K. Schnell, Die Bergarbeiterbewegung im Saargebiet seit der französischen Okkupation, Diss. München 1924, S. 115, erwähnte Gründungsdatum 19.2.1922 ist falsch, da die Bildung der Agitationskommission bereits 1921 von Windhoff (Anm. 9) erwähnt wird. 13 E. WiLLEKE, Der deutsche Syndikalismus, Diss. Münster 1924, S. 65. 14 Vgl. U. Klan/D. Nelles, „Es lebt noch eine Flamme“. Rheinische Anarcho-Syndikalisten/-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus, Grafenau-Döffingen 1986; A. MÜLLER, Aufbruch in neue Zeiten. Anarchosyndikalisten und Nationalsozialisten in Mengede in der Frühphase der Weimarer Republik, in: Bochumer Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit Nr. 8, 1987, S. 121-154. 15 Vgl. P. SCHÖTTLER, Die Entstehung der „Bourses du Travail“. Sozialpolitik und französischer Syndikalismus am Ende des 19. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1982. 383