rund 80% auf 60% fallen die Rügeanteile der Schöffen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert in Krettnach-Obermennig11. Das Verfahren entspricht genau den Bestimmungen des Weistums, und die gerügten Rechtsmaterien entsprechen ihm auch. Im zivilrechtlichen Bereich wird, beachtet man lediglich die Fälle mit höheren Prozentanteilen an der Gesamtzahl der Delikte, gerügt und gebüßt, wenn die Häuser und Gebäude nicht ordentlich in Stand gehalten oder unerlaubt neue Wege angelegt werden, strafrechtlich werden vornehmlich Beleidigungen, in sehr viel geringerem Umfang auch Schlägereien geahndet12. Im 18. Jahrhundert haben die Waldfrevel erkennbar zugenommen, Zeichen einer vermutbaren Knappheit des Rohstoffes Holz, die sich im frühen 19. Jahrhundert fortsetzte und verschärfte und schließlich in der nun preußischen Rheinprovinz zu politisch aufgezäumten Diebstahlprozessen und daran angehängte Debatten im Landtag führte. Ein in Trier lebender Journalist hat die Vorgänge scharf beobachtet, kaustisch kommentiert und als Erfahrung in seine kommunistische Utopie einer gerechten Welt eingebaut - Karl Marx. Offenbar konnte man an Mosel und Saar mit dem aus dem Mittelalter stammenden Weistumsrecht die anstehenden Ordnungsprobleme noch 1789 lösen. Die Mächtig¬ keit dieses archaischen Rechts beweist auch das im Umfang eher bescheidene und in der Qualität eher dürre kurtrierische Territorialrecht, von dem angenommen werden darf, daß es für ein landsässiges Kloster wie St. Matthias subsidiär galt13. Die Gesetze, oft Statuten oder Polizeien geheißen, beschlagen im wesentlichen nur Medizinalsachen, Zoll, Münze, Forstwirtschaft und Weinbau14 15, verfahrensrechtlich stabilisierend wirkte lediglich eine 1537 von Kurfürst Johann erlassene Unterge¬ richtsordnungr15, die auch für die Jahrgerichte der mediaten Herrschaften Geltung beanspruchte und zu jener Protokollierung der Gerichtssitzungen führte, der man die Einsichten über die Anwendung und Vitalität des Weistumsrechts verdankt. Kontinuität des Rechts prägt die Geschichte in diesem linksrheinischen Teil des Reiches. Offenbar fehlte es gleichermaßen an einem politischen Willen der Herren, das grundsätzlich zu ändern, wie am Bedürfnis der Menschen, etwas ändern zu wollen. Das ist erstaunlich, weil es in den übrigen Territorien des Heiligen Römischen Reiches anders war, ja das Recht geradezu stürmische und dramatische Veränderungen erfuhr. 11 Ebd., S. 168, 185. 12 Ebd., S. 168 f., 188 f. Die errechneten Prozentzahlen wird man mit einer der Gattung der Quellen angemessenen Vorsicht zu behandeln haben, weil ein und dasselbe Delikt im Verlauf der Jahrhunderte unter verschiedenen Bezeichnungen aufgenommen worden sein kann. 13 J.J. SCOTTI (Hg.), Sammlung der Gesetze und Verordnungen, welche in dem vormaligen Churfürsten¬ tum Trier über Gegenstände der Landeshoheit, Verfassung, Verwaltung und Rechtspflege ergangen sind vom Jahre 1310 bis zur Reich-Deputations-Schluß-mäßigen Auflösung des Churstaates Trier am Ende des Jahres 1802, 2 Teile, Düsseldorf 1832. 14 Ebd. 1. Bd„ S. 595-599, 685-709 [Medizin], 600-605, 627 f. [Zoll], 599 f., 606 f. [Münzwesen], 721 f. [Forst], 728 ff. [Weinbau]. Die Belege sind nicht systematisch, vielmehr kursorisch erhoben, weil ein ungefährer Eindruck für die hier vorgetragenen Überlegungen ausreichend ist. 15 Text bei Scotti, Gesetze (wie Anm. 13). Vgl. die bequem zugänglichen einschlägigen Zitate bei Hinsberger, St. Matthias (wie Anm. 4), S. 164 mit Anm. 2. 272