Stils in Lothringen traten erst spät in Erscheinung. In Frankreich ist dieser ganze Bereich noch kaum wahrgenommen worden. Vom Standort der Universität des Saarlandes in Saarbrücken ausgehend, wurde seit 1954 versucht, die mittelalterliche Kunst Lothringens systematisch zu erforschen. Dabei sind erste Anzeichen einer parlerischen Strömung in Metz festgestellt worden. Sie wurden in der Universitätszeitschrift 1958 und 1960 veröffentlicht5 und kamen zu einer größeren Wirkung im Rahmen der Ausstellung und des Katalogs „Die Parier und der Schöne Stil (1350-1400)“ 1978 in Köln6. Seitdem gingen die Erkundungen in Lothringen weiter und heute können viel mehr Skulpturen und Skulpturenfragmente der Parler-Strömung zugerechnet werden. Bevor sie im Gesamtkatalog zur Lothringischen Skulptur des 14. Jahrhunderts, der sich in Druckvorbereitung befindet, behandelt werden, soll im folgenden eine Auswahl wichtiger Stücke vorgestellt und mit einigen Vorschlägen zu ihrer Deutung und zu ihrer geschichtlichen Relevanz erläutert werden. 1. Die Schlußsteine der ehemaligen Coelestinerkirche in Metz. Vier Reliefs auf den kreisförmigen, etwas über einen halben Meter im Durchmesser großen Unterseiten der Gewölbeschlußsteine aus der nicht mehr existierenden Kirche der Celestins, der Coelestiner, in Metz. Die Reliefs wurden ausführlich beschrieben und als „parlerisch“ bestimmt von Helga D. Hofmann, 19567. Es handelt sich zunächst um einen Zyklus von drei Schlußsteinreliefs, die man sich im Chorgewölbe in der Folge von West nach Ost angebracht vorzustellen hat: a) die Sibylle von Tibur weissagt Kaiser Augustus, indem sie mit hochgehobenem Arm und Zeigefinger zur Sonne zeigt (Abb. 1). b) zweites Relief in der die Vision der apokalyptischen Maria mit dem säugenden Kind im Strahlenkranz und mit dem Mond zu ihren Füßen erscheint. Ihre Worte „Dieses Kind ist größer als Du, - errichte ihm einen Altar!“ werden illustriert, mit dem von einem fransenbesetzten Tuch bedeckten Altarblock zwischen den Figuren. Der als mittelalterli¬ cher greiser Kaiser geformte Augustus mit der Bügelkrone hat seine Hände im Gebetsgestus erhoben (Abb. 2). c) im dritten Relief ist die Marienkrönung durch Christus dargestellt (Abb. 3). d) Der vierte Schlußstein, etwas kleiner im Durchmesser, zeigt die beiden weiblichen Heiligen Maria Magdalena (mit dem Salbgefäß) und Katharina (mit Krone, Rad, Schwert und dem heidnischen Maxentius zu Füßen unter der Schwertspitze). Er gehört nicht zum Marienzyklus und saß entweder weiter westlich im Gewölbe oder in einem der Seitenschiffe (Abb. 4). 5 Annales Universitatis Saraviensis. Phil. Fak. Darin in mehreren Fortsetzungen „Beiträge zur mittelalterlichen Plastik in Lothringen und am Oberrhein“, Saarbrücken, Vol. V. 1956; Vol VII, 1958, usw. 6 vgl. Anm. 1, - Köln 1978. 7 Helga D. Hofmann: Die Schlußsteine der Coelestinerkirche in Metz. Annales Univ. Saraviensis (wie Anm. 5), Vol VII. 3/4, Saarbrücken 1958. 123