felsenfesten Glauben verdient, der ihrem Bericht bislang oft unbesehen zugemessen wurde. Wenn gegenwärtige Historiker C oft aufs Wort vertrauen, so ist das allerdings durchaus verständlich: So viele schöne Details können doch eigentlich nicht frei erfunden sein. Nicht zuletzt klingt die Geschichte auch deshalb so glaubwürdig, weil die bereits gestreiften Probleme der Reise des Kaisers keineswegs verschwie¬ gen, sondern ganz im Gegenteil deutlich hervorgehoben werden: Ein auf Harmonie bedachter Panegyriker, so könnte man argumentieren, hätte solche, das schöne Bild nur störende Widrigkeiten doch ganz einfach vertuschen können. Dazu muß freilich angemerkt werden: Bei näherem Zusehen erweist sich, daß Probleme stets nach Maßgabe oder im Sinne des Königs von Frankreich geregelt werden: Der Kaiser bleibt bis nach dem Weihnachtsfest in Cambrai, er begnügt sich mit einem melierten Roß, reitet zur Rechten des Neffen, entschuldigt sich, aufgrund eigener Einsicht, für die Unzulänglichkeit seiner ersten Antwort auf Karls V. Rede über die Bosheit der Engländer41. Die Frage, ob man zu zweit oder zu dritt nebeneinander bis zum Palais Royal reiten solle, scheint nach C, wie schon erwähnt, gar nicht erst erörtert worden zu sein, was als wenig glaubwürdig einzuschätzen ist42. Die Dreierreihe beim feierlichen Auftritt des Kaisers hatte in Karls IV. Goldender Bulle von 1356 eine beträchtliche Rolle gespielt: Das Problem lag hier darin, daß es drei geistliche Kurfürsten gab, denen die Ehre zustand, in unmittelbarer Nachbarschaft des Kaisers zu sitzen oder zu schreiten. Es wurde dadurch behoben, daß bei Prozessionen der Trierer stets vor dem Kaiser einherzog, während dem Mainzer die Ehre zuteil wurde, in deutschen Landen, vom Bereich der Kölner Kirchenprovinz abgesehen, zur Rechten des Kaisers zu gehen, während der Kölner dieses Privileg in seiner Provinz sowie in Italien und Gallien genießen durfte43. Karl V. wird im Protokoll des Metzer Teils der Goldenen Bulle als Zeuge von dessen Verkündung genannt44. Ob er auch den ersten Teil dieses Gesetzes mit den Regeln über das Auftreten des Kaisers und der geistlichen Kurfürsten studiert hatte, kann nur vermutet werden, jedenfalls wird er aber bei jenem Hoftag die eine oder andere Realisierung der kaiserlichen Sitz- oder Prozessions-Ordnung erlebt haben. Es darf daher unterstellt werden, daß er diese ebenso kannte wie den Brauch, daß der Kaiser die ersten Worte des Weihnachtsevangeliums nach Lukas las. Sollte in Paris die Regelung des heiklen Problems, in welcher Ordnung Oheim und Neffe nach Paris reiten würden, dem Zufall im Augenblick der Begegnung der beiden überlassen worden sein? Wohl kaum. Die Prozession in Dreier-Formation, der König von Frankreich als Gastgeber in der Mitte, der ranghöhere Kaiser zur Rechten, der römische und böhmische König zur Linken: diese Formation als solche wäre dem kaiserlichen Prestige kaum abträglich gewesen. Noch heute würde 41 Chronique, S. 251 ff. 42 Anzumerken ist auch, daß der Ritt in Dreierreihen auch für geübte Reiter mühsam sein kann und bei Marschkolonnen die Zweierordnung bevorzugt wurde. 43 Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV., hrsg. u. übers, v. K. MÜLLER, 3. Aufl. Bern 1970, Kap. 3, S. 34 ff. 44 Ebda nach Kap. 23, S. 78 f. 108