Heinz Thomas EIN ZEITGENÖSSISCHES MEMORANDUM ZUM STAATSBESUCH Kaiser Karls IV. in Paris I. Als Kaiser Karl IV. den Plan faßte, im Winter 1377/78 seinen Neffen, König Karl V. von Frankreich, zu besuchen und dabei auch zum Kloster St.-Maur- des-Fosses zu wallfahren, geschah das vor allem, um sein Lebenswerk, die hegemoniale Stellung des Hauses Luxemburg-Böhmen in Mitteleuropa1, durch die Erneuerung der alliance familiale mit dem Sohn seiner Schwester Bonne zu sichern. Nebenbei unternahm er die Reise gewiß auch ä la recherche du temps perdu2: In Paris und auf den Schlössern der Ile de France hatte er sieben Jahre seiner Kindheit verbracht und Eindrücke in sich aufgenommen, von denen sein späteres Wirken entscheidend geprägt worden war3. Der imposante Ausbau Prags und des Hrad- schin, die Gründung der Universität und anderes mehr wären ohne die in der 1 Zu hegemonialen Tendenzen in Karls IV. Politik vgl. H. Thomas, Die Luxemburger und der Westen des Reiches zur Zeit Kaiser Karls IV., in: JbwestdtLG 1 (1975), S. 84 ff., bes, S, 93; DERS., Deutsche Geschichte des Spätmittelalters, Stuttgart 1983, S. 288 ff., bes. S. 291. Danach auch P. Moraw, Von offener Verfassung zu gestalteter Verdichtung. Das Reich im späten Mittelalter, Berlin 1985, S. 240 ff. Ergänzend: H. Thomas, Die Ernennung Herzog Wenzels von Luxemburg-Brabant zum Reichsvikar, in: Westmitteleuropa - Ostmitteleuropa. Festschrift für Ferdinand Seibt, hrsg. v. W. Eberhard u. a., München 1992, S. 143-152. Im folgenden wird nur die wichtigere Literatur genannt. - Dieser Beitrag ist als bescheidener Dank für die große Hilfe gedacht, die mir Hans-Walter Herrmann stets, insbesondere aber bei der Schlußredaktion meiner Habilitationsschrift (s. Anm. 12) leistete. 2 Wichtigste Quelle: Chronique des règnes de Jean II et de Charles V, hrsg. von R. Delachenal, Paris 1920, S. 193-277, Vgl. dazu u. a. R. Delachenal, Histoire de Charles V, Bd 5, Paris 1931, S. 61 ff.; H. NEURElTHBR, Das Bild Karls IV. in der zeitgenössischen französischen Geschichtsschreibung, Heidelberg, Phil. Diss. 1964, S. 66 ff. u. 112 ff. Entgegen der begründeten Meinung des Herausgebers Delachenal glaubte Neureither an der These festhalten zu können, Verfasser der Chronik sei Karls V. Kanzler Pierre d’Ogemont. Die Frage kann hier als sekundär zurückgestellt werden. Unbezweifel- bar ist, daß der Verfasser dieses Teils der Chronik über nicht jedermann verfügbare Unterlagen des Protokolls verfügt haben muß. Zu den politischen Hintergründen vgl. zuletzt H. Thomas, Frankreich, Karl IV. und das Große Schisma, in: ZHF Beiheft 5 (1988) S. 85 ff. mit der älteren Literatur. Die oben erwähnte „Suche nach der verlorenen Zeit“ kommt in mehreren Szenen von Karls Reise zum Ausdruck. Besonders ergreifend war für den Kaiser, aber auch für die Augenzeugen, die Begegnung mit der Schwester seiner 1348 verstorbenen ersten Gemahlin Blanche de Valois, der Herzogin von Bourbon, vgl. Chronique, Bd 2, S. 260. Ein Maler hat das Wiedersehen in einer Miniatur festgehalten. Vgl. eine Schwarz-Weißabbildung in: Kaiser Karl IV., Staatsmann und Mäzen, hrsg. v. F. Seibt, München 1978, S. 68, Die gesamte Serie der Miniaturen (in Schwarz-Weiß) findet sich auch im Anhang von Neureithers Dissertation. 3 Vgl. zusammenfassend: C. D. Dietmar, Die Beziehungen des Hauses Luxemburg zu Frankreich in den Jahren 1247-1346, Köln 1983, bes. S. 144 ff. mit älterer Literatur. 99