Gedanken einer Vereinigung der Saarstädte aufgriff und in einer Stadtratssitzung erklärte, daß er "diese Vereinigung in jedweder Weise fördern wolle"5, zeichneten sich innerstädtische Interessenkonflikte ab, die auf eine sehr differenzierte Stimmungs- lage in den Saarstädten schließen lassen. Die Initiative des ’auswärtigen’ Staats¬ beamten stieß auf den Widerstand großer Teile der angestammten Bürgerschaft. So mußte Neffs Malstatt-Burbacher Kollege Schmook dem Trierer Regierungspräsiden¬ ten von Bake in einem persönlichen Gespräch anläßlich eines Informationsbesuches gestehen, daß bisher in der Stadtverordnetenversammlung noch keine Verhandlungen hierüber zustande gekommen seien. Er selbst beurteile die Stimmung für eine Städte¬ vereinigung negativ, denn in Saarbrücken und St. Johann spreche man von der In¬ dustriestadt abschätzig als dem ’Armenhaus’ der Gesamtstadt.6 Noch am 20. Mai 1905 konnte man im "Generalanzeiger für Düsseldorf und Umgegend" lesen: "Das Mode gewordene Bestreben nach Vereinigung aneinanderliegender Städte und Gemeinden zu größeren Gemeinwesen wird offenbar staatlicherseits gefördert und da, wo man sich gegen die Eingemeindung sperrt, wird mit einem kleinen Drucke nachge¬ holfen. Auf diesen Umstand ist wohl auch eine halbamtliche Erklärung des hiesigen [Saarbrücker] Landrats zurückzuführen, daß die Vereinigung der Städte Saarbrücken, St. Johann und Malstatt-Burbach bevorstehe [...]. Vor einigen Jahren hat man den Gedanken einer Vereinigung von Saarbrücken und St. Johann in Kreisen der ersteren Stadt einfach als indiskutabel bezeichnet. Spaßvögel machten den Vorschlag, die Saar bei Nacht und Nebel zu überwölben und so beim Morgengrauen beide Städte vor die Tatsache der vollzogenen Vereinigung zu stellen. Saarbrücken gleicht dem schwerfäl¬ ligen Russen, St. Johann dem flinken Japaner."7 So wenig flexibel die Saarbrücker reagierten, umso geschickter entzogen sich offensichtlich die St. Johanner allen ernsthaften Vereinigungsplänen. Die Situation der drei Städte am Mittellauf der Saar bot schon im ausgehenden 19. Jahrhundert viele gute Gründe, die einen Zusammenschluß der drei Gemeinwesen zu einem früheren Zeitpunkt gerechtfertigt hätten. 'Tatsächlich war es ja schon so, daß um die Jahrhundertwende die drei Saarstädte keine völlig selbständigen Wirtschafts¬ körper mehr waren. St. Johann, die schnellwachsende Geschäftsstadt, hatte sich hinsichtlich des Absatzes auf die Bewohner der beiden anderen Städte eingestellt, es 5 Vgl. MBZ v. 21. Sept. 1901. Am 14. Okt. 1901 berichtete die MBZ, daß das Ministerium, es handelte sich hierbei wohl um das preußische Innenministerium, eine Vereinigung der drei Saarstädte anstrebe. 6 Vgl. StadtA SB, Best. MB (= Malstatt-Burbach), Nr. 515, Pg. 4. Es handelt sich um eine Aktennotiz Schmooks v. 16. Nov. 1901 über ein Gespräch v. 1. Nov. 1901, in der v. Bake Schmook fragte, wie die Stimmung in MB bzgl. einer Städtevereinigung sei, da er wisse, daß in den beiden anderen Stadtverordnetenversammlungen eine Neigung hierfür bestehe. Auf die abschlägige Antwort Schmooks hin drückte der Regierungspräsident seine Hoffnung aus, daß die Vereinheitlichung der Polizei, ein erster Schritt auf dem Weg zur Städtevereinigung sei. Regierungspräsident v. Bake kannte die Verhältnisse im Raum Saarbrücken übrigens sehr gut, da er von 1891 bis 1899 Landrat und Polizeidirektor im Kreis Saarbrücken gewesen war. 7 StadtA SB, Best. SJ, Nr. 744, Pg. 2. Der Vergleich bezog sich auf den zur gleichen Zeit im Fernen Osten ausgetragenen Russisch-Japanischen Krieg. 283