und Straßen bestimmten, und zweitens die Aufstellung von baupolizeilichen Vor¬ schriften, nach denen sich die Bebauung der privaten Flächen richtete,4 Bis 1870 gab es für die Städte des späteren Reichslands kein kodifiziertes Baurecht, und die baupolizeilichen Bestimmungen beschränkten sich meistens auf eine Festle¬ gung der Straßen- und Baufluchten. Im Rahmen dieser Restriktionen konnte der einzelne Grundbesitzer beliebig vorgehen. Die deutsche Verwaltung änderte nichts hinsichtlich der Anwendung des Baufluchtenrechts, das aus den Gesetzen des franzö¬ sischen Straßenbauwesens übernommen wurde.5 Erst als die Expansion der Städte die Ausbildung veränderter Normen zu einem unabweisbaren Bedürfnis gemacht hatte, kam es zu einer weitgehenden Beschränkung der Baufreiheit.6 Auch die Stadt Saargemünd stand vor dem Problem, daß ortspolizeiliche Bestimmun¬ gen zur Bewältigung städtebaulicher Aufgaben nicht ausreichten. Der Gemeinderat beschloß, sich mit den übrigen Mittelstädten Elsaß-Lothringens in Verbindung zu setzen, um den Landesausschuß zu einer Gesetzesänderung zu veranlassen.7 Da eine allgemeine landeseinheitliche Bauordnung von der Regierung nicht ins Auge gefaßt wurde, war eine baupolizeiliche Ordnung für die Mittelstädte unbedingt notwendig geworden, Den Weg ortspolizeilicher Bauverordnungen hatten z.B. Straßburg (1892), Mülhausen (1882), Schlettstadt und Colmar (1893) eingeschlagen.8 Die Frage der Bauordnung mußte also von den Städten auf lokaler Ebene erörtert werden. Bis zur endgültigen Lösung dieses Problems vergingen noch viele Jahre. Die Ver¬ waltung von Saargemünd wollte dabei auch eine Regelung herbeiführen, die in einheitlicher Weise die Verpflichtung der Stadt zum Bau neuer Straßen und die Zuschußpflicht der Anlieger für den Bau der Straßen, Kanalisation und Wasser¬ leitungen festlegte.9 Der Entwurf der Bauordnung wurde in mehreren Sitzungen der Baukommission des Gemeinderats erörtert, und am 5. Juni 1899 trat die Bauordnung nach der Genehmigung durch den Bezirkspräsidenten für die Stadt Saargemünd in Kraft.10 Eine Analyse der Saargemünder Bauordnung zeigt, daß die in zahlreichen anderen Städten als Vorbild benutzte Normal-Bauordnung von Reinhard Baumeister nicht als Vorlage diente. Vielmehr orientierte sich der Text fast ausschließlich an der Stra߬ 4 Hans Jürgen Selig, Münchner Stadterweiterungen, München 1978, S. 12. 5 H. Pauli, Die Bezirke, Kreise und Gemeinden, in: Das Reichsland Elsaß-Lothringen, hrsg. v. Georg Wolfram, Bd. II, 1. Teil, Verfassung und Verwaltung von Elsaß-Lothringen, Frank¬ furt/M. 1936, S. 220f. 6 Rolf Wittenbrock, Bauordnungen als Instrumente der Stadtplanung im Reichsland El¬ saß-Lothringen (1870-1918). Aspekte der Urbanisierung im deutsch-französischen Grenzraum, St. Ingbert 1989, S. 45 u. 294. 7 Gemeinderatsbeschlußbuch (künftig: GRBB) v. 8. Okt. 1893. 8 Straßburger Correspondenz, Nr. 60, 21. Mai 1894. 9 GRBB v. 14. März 1896, Mitteilung über die Frage der Bauordnung. GRBB v. 9. Mai 1896, Bauordnung. 10 Bauordnung von Saargemünd v. 5. Juni 1899. 131