beginnen soll4. Wendet man dieses Entwicklungsmodell auf Lothringen an. wäre der Übergang vom „Archidiakon erster Ordnung“ zu dem „zweiter Ordnung“ in Metz allerdings mit dem 13. Jahrhundert verhältnismäßig spät erfolgt. Die Entwicklungs¬ stufen als solche würden sich jedoch auch in der Metzer Diözese wiedererkennen las¬ sen: zunächst ein einzelner Archidiakon seit dem 6. Jahrhundert, dann 886 erstmals vier Archidiakone, zu denen man sich jedoch noch keine festen Sprengel vorstellen dürfte, dann eine langsame Herausbildung dieser Sprengel, bis endlich im 13. Jahr¬ hundert deren Hauptorte hinzukamen, die den Archidiakonen den nötigen Rückhalt boten, damit sie zu „Archidiakonen zweiter Ordnung“ aufsteigen konnten. Schwierigkeiten bereiten in einem solchen Modell indessen die Chorbischöfe des 8. und 9. Jahrhunderts. Auch bei ihnen unterscheidet man solche älterer und jüngerer Ordnung: erstere waren ordinierte Bischöfe und sind insofern den viel späteren Weih- oder Suffraganbischöfen vergleichbar, letztere hatten keine Bischofsweihe mehr und führten nur noch den Titel eines Chorbischofs, ln fränkischer Zeit waren Chorbischöfe älterer Ordnung nichts Ungewöhnliches. Auch gibt es Indizien dafür, daß den Chorbischöfen etwa in der Mainzer Erzdiözese schon feste Bezirke zugeteilt waren. Man begegnet hier also bereits subdiözesanen Sprengeln, die nach der gelten¬ den Lehre erst im 10. Jahrhundert entstanden sein sollen. Vor den in die reguläre Diözesanstruktur eingegliederten Chorbischöfen kannte die Merowingerzeit auch noch die von Bonifatius so heftig bekämpften episcopi vagantes, Klosterbischöfe iri¬ scher Prägung, deren Bindung an den zuständigen Ortsbischof nur lose gewesen ist5. Die Chorbischöfe der Karolingerzeit könnten nun sehr gut als direkte Vorläufer der späteren Archidiakone gelten, wenn es nicht einen unübersehbaren Bruch in der Ent¬ wicklung dieser Einrichtung gegeben hätte. Während des 9. Jahrhunderts wurden nämlich im fränkischen Episkopat Bedenken laut, die Einheit der Ortskirche sei durch die Aufsplitterung in Chorepiskopate, das Wirken mehrerer Bischöfe nebeneinander gefährdet, widerspreche dem biblischen Modell vom einen Hirten und einer Herde. Gerade in Lothringen wurde diese Dis¬ kussion mit großer Anteilnahme geführt. Noch als Abt von Fulda hat Hrabanus Mau¬ 4 Vgl. Georg May, Die Organisation der Erzdiözese Mainz unter Erzbischof Willigis, in: Wil¬ ligis und sein Dom. Festschrift zur Jahrtausendfeier des Mainzer Domes 975-1975, hg. von Anton Ph. Brück (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte, 24), Mainz 1975 S.48-60, beachte dort auch S. 35f. Anni. 15-16 die ausführlichen Literaturüber¬ sichten. May (vgl. S.41 Anm. 37) übernimmt hier ein Modell, das auf Friedrich Ge sch er, Der kölnische Dekanat und Archidiakonat in ihrer Entstehung und ersten Entwicklung. Ein Beitrag zur Verfassungsgeschichte der deutschen Kirche im Mittelalter (Kirchenrechtliche Abhandlungen, 95), Stuttgart 1919, einen Schüler von Ulrich Stutz, zurückgeht. - Weiträumi¬ ger Überblick bei Josef Semmler, Mission und Pfarrorganisation in den rheinischen, mosel- und maasländischen Bistümern (5.-10. Jahrhundert), in: Cristianizzazione ed organizzazione ecclesiastica delle campagne nell’alto medioevo. Espansione e resistenze, 10-16 aprile 1980 (Settimane di studio del Centro Italiano di studi sull’alto medioevo, 28/2), Spoleto 1982 S. 875- 879 5 May, Organisation (wie Anm.4) S.41; zur Entwicklung des Chorepiskopats allgemein vgl. Theodor Gottlieb, Der abendländische Chorepiskopat (Kanonistische Studien und Texte, 1), Bonn, Köln 1928, Nachdr. Amsterdam 1963 passim, auch Semmler, Mission und Pfarrorganisation (wie Anm. 4) S. 872f. 87