Änderung der Westgrenzen brachte431, vom Bund der Saarvereine mit Skepsis erwar¬ tet. Zurückhaltend, aber nichtsdestoweniger deutl ich, unterbreitete der „Saar-Freund“ der deutschen Reichsregierung Vorschläge für die bevorstehende Verhandlungs¬ führung432. Insbesondere in Hinblick auf das Schicksal des Saargebietes hatte er natürlich konkrete Vorstellungen, galt ihm doch das Vorgehen der Entente in der Saarfrage als Gradmesser für deren ehrlichen Willen, einen dauerhaften Frieden in Europa zu schaffen. Im Verlauf der elf Tage, während derer die Delegationen in dem schweizerischen Ort verhandelten, untermauerten weitere Artikel die Forderungen des Bundes: Angesichts dessen, daß Briand in Locarno kein ehrliches Spiel treibe und gemeinsam mit dem britischen Premier Chamberlain einen Verhandlungskrieg führe, müsse das Ziel der deutschen Politik sein, die Abstimmung an der Saar mög¬ lichst weit vorzuverlegen. Unter keinen Umständen könne allerdings auf das Plebiszit verzichtet werden433 434. Die Reaktion des Bundes der Saarvereine auf das Vertrags werk, das Ende November 1925 nach kontroversen Diskussionen im Reichstag angenommen wurde, war ambi¬ valent: Einerseits trug er die Entschließung des „Westausschusses“ mit, derzufolge der Vertrag als Fortschritt auf dem Weg der Befriedung Europas gewertet wurde, machte aber auf der anderen Seite keinen Hehl aus seiner Kritik an der Kompro¬ mißlösung. Vermutlich erst nach einer deutlichen Aufforderung seitens der Berliner Wilhelmstraße wertete der „Saar-Freund“ die Ausblendung der Saarfrage in Locarno nicht länger als Verrat, sondern interpretierte sie als klugen diplomatischen Schach¬ zug, der die Möglichkeit zu weiteren bilateralen Verhandlungen mit Paris eröffnet habe. Ein weiteres Mal hatte das Bundesorgan damit seine Bereitschaft unter Beweis gestellt, dem Auswärtigen Amt als Sprachrohr zu dienen. In den folgenden Wochen und Monaten war die Haltung des Bundes zum Abkommen von Locarno durch sein beharrliches Insistieren auf notwendige Erleichterungen infolge von Teilrevisionen des Versailler Vertrages gekennzeichnet. Hierbei entwik- kelte sich der vielbeschworene „Geist von Locarno“ schnell zu einem geflügelten Wort und alles, was den deutsch-saarländischen Interessen und Wünschen zuwider¬ lief, stellte automatisch die Verständigungsbereitschaft Frankreichs in Frage, wohin¬ gegen positive Entwicklungen wie die Räumung der Kölner Zone als Selbstver¬ ständlichkeiten bagatellisiert wurden4'4. 431 Vgl. hierzu: HAGSPIEL, S. 165-171 und S. 248-287; KRÜGER: Außenpolitik, S. 269-372; MAXELON. S. 164-241; NERLS. 71-76; WURM. 432 Vgl. SF 6 (1925) 19, S. 313 f. 433 Vgl. SF 6 (1925) 20. S. 329-334. Vgl. hierzu auch den Runderlaß des AA (14.10.24. in: ADAP, A XI. Dok. 110, S. 263 f.), die Aufzeichnung Köpkes (07.01,26, in: ADAP, B 1/1, Dok. 30, S. 97) sowie die Aufzeichnung Voigts (29.08.26, in: ADAP, B 1/2, Dok. 65, S. 137-142). ln dieser Frage zeigte sich der SF in den folgenden Jahren konzilianter, da Frankreich durch den deutschen Verzicht auf das Referendum eine moralische Niederlage erspart zu bleiben schien und so Konzessionen abgerungen werden konnten: Vgl. SF6 (1925) 21. S. 350 f.; SF7 (1926) 8, S. 123 f.; SF8 (1927) 15, S. 233 f.; SF 9 (1928) 9, S. 129 f. Vgl. auch: Groten: Die Volksabstimmung im Saargebiet, S. 61-69. 434 Vgl. SF6 (1925) 5, S. 72 f.; SF 6 (1925) 24, S. 398 f.; SF 7 (1926) 2, S. 26;ÄF 7 (1926) 3, S. 40 f.; 205