band, weil die Ableger oftmals eigene Interessen verfolgten und sieh stärker lokalen Traditionen als den übergeordneten Richtlinien des Bundes verpflichtet fühlten. Die Ortsverbände besaßen in viel größerem Umfang den Charakter landsmannschaftlicher Freizeitvereine, als dies die Zentrale wahrhaben wollte, und die hieraus resultierende Eigendynamik führte zwangsläufig zu Interessenkonflikten mit der Geschäftsstelle, welche die Ernsthaftigkeit der Saarvereinsarbeit gewahrt sehen wollte. Vogels streng zentralistischer und autoritärer Kurs degradierte die Ortsgruppen nicht nur in finan¬ zieller Hinsicht zu reinen Befehlsempfängern, doch muß die scharfe Kritik der Geschäftsstelle „Saar-Verein“ relativiert werden: Nur aus ihrer Sicht waren die unpolitischen geselligen Zusammenkünfte und Freizeitveranstaltungen der Sand im Getriebe der Saarpropaganda. Die Ortsgruppen arbeiteten im Rahmen ihrer Möglich¬ keiten. sie hielten während der 15jährigen Völkerbundsverwaltung Tausende von Versammlungen ab, organisierten Hunderte von Kundgebungen und verfaßten unzählige Presseartikel über die Saarfrage für die Lokalblätter. Selbstverständlich war diese Art der Propaganda keineswegs immer anspruchsvoll, und wurden auch gänzlich unpolitische Themen in den Vordergrund gerückt, aber gerade darin lag die Stärke der Ortsgruppen: Gerade weil sie auf die Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu¬ geschnitten waren und deren Erwartungen erfüllten, war ihre Propaganda glaubwür¬ dig und - zumindest auf den Kreis ihrer Mitglieder bezogen - auch effizient. Der Zulauf zu den verschiedenen Saarvereinigungen legt sogar den Schluß nahe, daß sie zu einem gewissen Grad auch nicht unmittelbar von der Saarfrage betroffene Perso¬ nen erreichte. Außerdem hätte die Berliner Geschäftsstelle auf sich gestellt die lokalen Verhältnisse kaum überblicken können. Ihre Forderung, die Saar bei allen nur möglichen Kundgebungen zu thematisieren, war überhaupt nur durch eine dezentrale Organisation möglich. Unbeschadet aller Eigenmächtigkeiten der Ortsgruppen wurde durch den Bund der Saarvereine zumindest eine halbwegs einheitliche Propaganda gewährleistet, die ihre Vorgaben und Richtlinien von einer Zentrale erhielt. Als „Pflegstättefn] alter Heimatgefühle“276 trugen die expandierenden Ortsgruppen entscheidend zur Herausbildung eines landsmannschaftlichen Eigenbewußtseins und damit einer kollektiven (regionalen) Identität bei, die auf den Erinnerungen an die alte Heimat und den Erfahrungen der nicht immer freiwilligen Trennung basierte. Die Arbeit in den Ortsgruppen sollte helfen, partei- und klassenbedingte Schranken zu überwinden, den weltanschaulich anders Orientierten kennenzulernen, dessen Posi¬ tionen zu achten und damit Volksgemeinschaft im Kleinen zu realisieren277. Das häufige Beschwören dieser Volksgemeinschaft legt den Verdacht nahe, daß sie nicht verwirklicht war und daß Ressentiments politischer, konfessioneller oder sozialer Natur keineswegs im Dienst der Sache hintangestellt wurden. Innerhalb der Orts¬ gruppen waren zwar verschiedene Milieus repräsentiert, doch setzten sich die am 277 Vogel: Deutsch die Saar immerdar! (1929), S. 89. Vgl. Jahresbericht 1931, S. 12 f.; Jahres-Bericht 1932, S. 15. 121