Franz Irsigler WIRTSCHAFTSLEBEN IN LOTHARINGIEN In der Wirtschaftsgeschichte Lotharingiens ist das Jahr 1000 kein Epochenjahr, sind auch die Jahrzehnte um das Jahr 1000 keine Wendemarke, auf die bezogen ein Bündel nahezu zeit¬ gleicher, tiefgreifender Veränderungen festgemacht werden könnte, also Vorgänge, für die Wirtschaftshistoriker mit Schwerpunkt im 19. und 20. Jahrhundert immer noch gerne den Begriff der „Revolution" verwenden. Wirtschaftlicher Wandel vollzieht sich im Mittelalter unendlich langsam; er gehört zu den Erscheinungen der „longue durée", z.T. sogar der „très longue durée", weil er so eng mit den geographisch-geologisch-naturräumlichen Bedingun¬ gen von Leben und Wirtschaften verbunden ist, mit Boden, Wasser, Klima, Verkehrsbedin¬ gungen, Siedlungsgunst, Bodenschätzen, nachwachsenden Rohstoffen usw. Innovationen führen selten zu einer sprunghaften Belebung der Entwicklung; sie verbreiten sich langsam, für die Zeitgenossen kaum wahrnehmbar. Deutlicher faßbar - für die Chronisten der Zeit und die Historiker von heute - sind Brüche, Störungen der Entwicklung, durch den Men¬ schen und die Natur verursachte Katastrophen und Krisen: Kriege, Plünderungen, Mißern¬ ten, Überschwemmungen, Feuer, Erdbeben, Epidemien usw., deren negative Folgen oft erst nach Jahrzehnten, manchmal erst nach Jahrhunderten ausgeglichen werden. Trotzdem ist es - wenige Jahre vor der zweiten Jahrtausendwende der christlichen Zeitrech¬ nung, die unter Berücksichtigung der Beschlüsse von Maastricht und der zu erwartenden wirtschaftlichen Folgen für ganz Europa mit einigem Recht als Wendemarke im Weltwirt¬ schaftssystem in die Geschichte eingehen wird - reizvoll, für den wichtigsten Kontaktraum zwischen Romania und Germania eine auf das Jahr 1000 orientierte Bestandsaufnahme zum Stand des Wirtschaftslebens zu versuchen. Es wird sich zeigen, daß etwa seit der Mitte des 10. Jahrhunderts, d.h. nach der Überwindung der durch die Wikingereinfälle bis 882/3 verursachten Brüche und nach der Beseitigung der vor allem Oberlotharingien bedrohen¬ den Ungarnzüge, tatsächlich eine gewisse Beschleunigung der wirtschaftlichen Entwicklung festzustellen ist, die für den lotharingischen Raum - anders als für die rechtsrheinischen Gebiete - das 11. Jahrhundert durchaus als hochmittelalterliche Aufbruchsepoche fassen läßt. Der erste Teil meines Beitrages befaßt sich mit einer Struktur, die mehr als jedes andere Ord¬ nungselement das Wirtschaftsleben bestimmte, aber auch mehr war als bloß eine Organisa¬ tionsform des Wirtschaftslebens, mit der Grundherrschaft. In ihrem Rahmen vollziehen sich zunächst alle Formen land- und waldwirtschaftlicher Produktion, aber auch die Nutzung der Bodenschätze und der größte Teil der gewerblichen Produktion, dem der zweite Abschnitt gewidmet ist. Grundherrschaft ist aber auch eine der ganz wesentlichen Grundla¬ gen für die Entwicklung des tertiären Sektors, also für Handel, Verkehr und das Marktleben in seinen vielfältigen Erscheinungsformen (Teil III). Und schließlich ist in Teil IV der Faktor Geld herauszustellen, das 'Schmiermittel' allen Wirtschaftslebens, um auch die Fixierung 155