Thomas Zotz DAS ELSASS - EIN TEIL DES ZWISCHENREICHS? Einleitung Das Elsaß weist mit der Lotharingia, dem Hauptthema des Tagungsbandes, in mehrfacher Hinsicht Gemeinsamkeiten auf, die beide Länder von anderen des zentraleuropäischen Raumes im Mittelalter unterscheiden.1 So tragen sie beide einen außergewöhnlichen Namen: Lotharingia hieß nach einem karolingischen Herrscher, nach König Lothar II.,2 und der Name des Elsaß, Alsatius/Alsatia, erklärt sich wohl am ehesten von der erschlossenen Grundform *ali-sat-ja her, was „Mann mit Sitz in der Fremde" bedeutete.3 In beiden Fällen wich die Namensgebung von der sonst gebräuchlichen Bezeichnung größerer und kleinerer politisch-geographischer Räume nach einem Volk (Alamannia, Burgundia), einem Fluß (Thurgau, Rheingau) oder einem zentralen Ort (Zürichgau, Breisgau) ab.4 Die zweite Gemeinsamkeit von Lotharingien und dem Elsaß besteht darin, daß beides Randgebiete in der Mitte Europas waren; der Name des Elsaß, wenn er so richtig gedeutet ist, zeigt diese Randlage an: Leute mit Sitz in der Fremde, formuliert aus fränkischer Sicht. Als die Fremde ist das von den Alemannen besiedelte Gebiet zwischen Vogesen und Ober¬ rhein zu verstehen, das von Westen her von fränkischen Siedlern in Besitz genommen wurde. Lotharingien, das „Zwischenreich", befand sich von seinem Geburtsjahr 843 an in einer Randlage nach beiden Seiten, nach Westen wie Osten, hin, und teilte das hiermit verbundene Schicksal der wechselnden Zugehörigkeit mit dem Elsaß, das diese Rolle schon etwas früher gespielt hatte und sie zeitlich parallel zu Lotharingien weiter spielen sollte. Bei solchen Parallelen zwischen diesen beiden Ländern liegt es nahe zu fragen, was das Elsaß im Frühmittelalter mit Lotharingien zu tun hatte und wie sich das beiden gemeinsame Merkmal wechselnder Zugehörigkeit auf ihr gegenseitiges Verhältnis auswirkte. „Das Elsaß - ein Teil des Zwischenreichs?" - die Frage zielt in erster Linie auf politisch-herrschaftliche 1 Zum Elsaß im frühen Mittelalter grundlegend Regesta Alsatiae aevi merovingici et karolini 496-918 Bd. 1. Bearb. von A. Bruckner. 1949 und H. Büttner, Geschichte des Elsaß I und Ausgewählte Beiträge zur Geschichte des Elsaß im Früh- und Elochmittelalter. Hg. von T. Endemann. 1991. 2 Vgl. M. Parisse, Lotharingien, in: Lexikon des Mittelalters 5. 1991 Sp. 2128-2131 und Encyclopédie illustrée de la Lorraine 2: Austrasie, Lotharingie, Lorraine. Par M. Parisse. 1990, ferner M. Parisse/ H.-W. Herrmann, Lothringen. Geschichte eines Grenzlandes. 1984 S. 101 ff. und E. Boshof, Lotha¬ ringien - Lothringen: Vom Teilreich zum Herzogtum, in: Zwischen Gallia und Germania, Frankreich und Deutschland. Hg. von A. Heit (TrierHistForsch 12) 1987 S. 129-153. 3 Vgl. Ph. Dollinger, Elsaß, in: Lexikon des Mittelalters 3. 1986 Sp. 1852-1860 und B. Weis, Elsaß (I § 2), in: Reallexikon der germanischen Altertumskunde. 2. Aufl. hg. von H. Beck u. a. 7. 1989 S. 175 ff. 4 Zur politisch-geographischen Terminologie P. von Polenz, Landschafts- und Bezirksnamen im frühmittelalterlichen Deutschland 1. 1961 und E. Ewig, Beobachtungen zur politisch-geographischen Terminologie des fränkischen Großreiches und der Teilreiche des 9. Jahrhunderts, in: Ders., Spätantikes und fränkisches Gallien (Beihefte der Francia 3,1) 1976 S. 323-361. 49