42 Dreizeheilter ßrttf. S. den 6. Mai 1793. Wars ein guter Genius oder wars mein schlechter Glaube an französische Redlichkeit, der mirs eingab, seit dem Einmarsch der Franzosen meine Briefe an Sie und andere Freunde außer dem Lande der Freiheit nicht bei dem hiesigen Postamt aufzugeben sondern solche durch einen Umweg zu versenden? Im ersten Fall bin ich ihm warmen Dank schuldig, und im letzteren darf ich mich des Namens eines Ungläubigen nicht schämen, da ein auffallendes Beispiel von französischer Treulosigkeit solchen rechtfertigt. Gleich nach dem Einmarsch der französischen Truppen befragte das hiesige Kaiserliche Postamt die Generalität, wie es mit der Post gehalten werden sollte, und erhielt die Weisung solche ihren alten Gang unausgesetzt fortgehen zu lassen, mit der heiligsten Versicherung, daß solche ungekränkt und unberührt bleiben sollte. Gleiche Ver¬ sicherung erhielt das Postamt ans mehrmalige nachherige Anfragen, welche es bei Veränderungen der Generäls oder des Standorts der Armeen für nöthig fand. Dieses war aber, wie sich jetzt gezeigt hat, nur eine Falle, die man unserer Einfalt stellte. Denn schon seit mehreren Mo¬ naten wurden alle verdächtig scheinenden Briefe eröffnet. Wie solches geschehen ist, und ob es mit Einverständnis eines deutschen Postmeisters geschah oder ob die Postillons bestochen waren, ist bis jetzt noch ein Geheimnis; ohne einen der letzten Fälle zu denken ist es aber unbegreiflich, wie dieses Geschäft hätte verborgen bleiben können. Auch die Folgen davon bleiben ans, theils weil die hiesigen Einwohner im Schreiben sehr fürsichtig waren, theils und haupt¬ sächlich aber deswegen, weil der Offizier*), dem das Briefexamen *) Und dieser redliche Mann, dieser Menschenfreund, lieh in neuerer Zeit seine Hand zur Ausübung einer der abscheulichsten französischen Unthaten. Ein Beweis, wie sehr das menschliche Herz in kurzer Zeit ausarten kann, oder