An alle! Cliausewißt, dessen 100jährigen Todestag wir am 16. November 1931 feiern konnten, der Freund von Stein, Gneisenau und Scharnhorst, darf als ein Borbild glühender Vaterlandsliebe gelten. Seine zahlreichen Schriften, vor allem aber sein Leben, seine Taten sind dessen Zeugnis. Geradezu seher- haft erscheinen uns die Ausführungen Clausewitz' über die unveränderlichen außenpolitischen Ziele der Franzosen: „Alles, was die Franzosen von natür- licher Grenze sagen, und worunter sie jezt Shelde und Maas und Rhein ver- stehen, später vielleiht die Weser und die Elbe verstehen werden, bezieht sic nicht im mindesten auf die Sicherheit des Staates, son- dernauf die Sicherheit ihrer Oberherrs<aft.“ In einer Zeit härtester Bedrängnis Deutschlands, die eine verzweiselte Aehnlichkeit mit unserer heutigen Lage hat, war er einer der wenigen, die an einen Wiederaufstieg des Vaterlandes glaubten und weder Mut, no< Ver- trauen verloren. Seine, leider wenig gelesenen Bekenntnisse aus dem Jahre 1812 sprechen von einer solH heiligen Hingabe an die Freiheit, daß sie auch in unserer heutigen Not Leitstern unseres Denkens und Handelns sein sollten. Eine phantastische Unmöglichkeit schien es damals, Napoleons Macht zu brechen und Deutschland wieder aufzurichten. In allem niederdrückenden Jammer war es Clausewit, der folgendes mutige Bekenntnis vor aller Welt ablegte: »„ - - - Indem ich mich von einer öffentlihen Meinung feierlich lossage, die mich umgibt, bin ich genötigt, sie in ihren Hauptzügen flüchtig zu berühren. Die Meinung, daß man Frankreich widerstehen könne, ist unter uns fast gänz- lich vers<wunden. Man glaubt also an die Notwendigkeit einer Unterwerfung auf Gnade und Ungnade. Man gibt diese Gradation der Uebel mit Achselzucken zu und errötet höchstens . . . Dies ist die allgemeine Stimmung. Einzelne zeihnen sich noh durch die Frechheit aus, mit der sie auf die Sicherheit und den ruhigen Genuß des bürgerlichen Eigentums pochen, auf die Notwendig- keit, diesem alles zu opfern, auch die Rechte des Königs, auch die Ehre des Königs, auch die Sicherheit und Freiheit des Königs! . . . Hof- und Staats- beamte sind die verderbtesten; sie wünschen nicht nur, wie die anderen, Ruhe und Sicherheit, sie sind nicht nur des Gedankens entwöhnt, unter Gefahren ihre Pflicht zu erfüllen, sondern sie verfolgen auc<ß jeden mit unversöhn- lihem Haß, der nicht verzweifelt. Denn was ist es anders, als verzweifeln, wenn man unseren Zustand und einen viel schlimmeren, welcher folgen wird, jedem Widerstande vorzieht. Von dieser Meinung und Stimmung, womit man sich bei uns schmückt, als sei sie aus dem reinen Gefühl für das Wohl aller entsprungen, sage ich mich feierlich los; ich sage mich los von der leichtfertigen Hoffnung einer Errettung durc< die Hand des Zufalls, von der kindischen Hoffnung, den Zorn eines Tyrannen durch freiwillige Entwaffnung zu beschwören, durch niedrige Unter- tänigkeit und Schmeichelei sein Vertrauen zu gewinnen, von dem unvernünf- tigen Mißtrauen in die uns von Gott gegebenen Kräfte, von. der schamlosen Aufopferung aller Ehre des Staates und Volkes, aller persönlichen Mensc<en- würde. Ich glaube und bekenne, daß ein Volk nichts höher zu achten hat, als die Würde und Freiheit seines Daseins, daß es diese mit den letzten Bluts- tropfen verteidigen soll, daß der Schandfleck einer feigen Unterwerfung nie zu verwischen ist, daß dieser Gifttropfen in dem Blute eines Volkes in die Rachkommenschaft übergeht und die Kraft späterer Geschlechter lähmen wird; daß man die Ehre nur einmal verlieren kann, daß ein Volk unter den meisten Verhältnissen unüberwindlich ist in dem großmütigen Kampf um seine Frei- heit, daß selbst der Untergang dieser Freiheit nadh einem blutigen und ehren- 21