Dor hundert Jahren. Wie Saarbrücken zum Landgerichtsſit kam. Von A. Z. Fiat ivustitia!l *) Der Herr Regierungspräſident. Das Saarbrücker Landgericht, das jezt no< zum größten Teil in dem alten düſteren Gebäude in der Streſemann-Straße tagt, hat in ſeiner mühevollen Aufrichtung im Jahre 1835 für uns heute noch feſſelnde Momente. Sie führen uns zurück in die Zeiten der „Unterthanen“-Herrlichkeit, der Bevormundung und der ſelbſtbewußten, engherzigen Art der „vorgeordneten“ Behörden. Gegenüber einem aufſtrebenden Bürgertum erhebt ſi< Se. Hochwohlgeboren der Herr Regierungspräſident im Stolz und in verknöcherter bürokratiſcher Auffaſſung über die Erhabenheit ſeiner Poſition und Würde. Sie knickt aber ſofort auf einen Wink von höherer Stelle zuſammen, wenn's gemeinhin, wie's auch kränkt, anders kommt, als man ſich denkt. Das arme Saarbrücken, Trier im Glück. Das Dornröshen 'an der Saar ſchlief noh, von einzelnen Ausnahmen ab- geſehen, den Schlaf des Gerechten und harrte des Ritters aus Stahl und Eiſen, der abhold jedes träumeriſchen Hindämmerns ſeine Braut, die bisher ſo beſcheidene aber hoffnungsvolle Prinzeſſin, zum blühenden Mittelpunkt in des Reiches Südweſten erkoren hatte. Die Notjahre nach den Freiheitskriegen ſehen hier ein wohl ſpießbürgerlich angehauchtes Völklein, aber ſie blicken zugleich auf ein hartes, leid- und arbeit- gewohntes Geſchlecht, ſtets bereit, den Kohlenwinkel zu einem Juwel taten- frohen deutſchen Fleißes zu geſtalten. Vor hundert Jahren iſt unſere Heimat in der Tat wirtſchaftlich noch von geringer Bedeutung. Man hat eben erſt unter ſchweren Sorgen die den endloſen Kriegsleiden folgende Teuerung und vor allem die Getreidenot überwunden. Der Kohlenhandel iſt zwar bereits in der Entwicklung begriffen, aber bei etwa 200 000 Tonnen Jahresförderung nach unſerem Empfinden doch no<h ohne ſonderliche Bedeutung. Unternehmende Männer laſſen Holz bis Holland flößen. Andere wiſſen durch einen beſonders ſchön duftenden und die Naſennerven kißelnden Schnupftabak ein weithin begehrtes Reizmittel kunſtgere<ht herzuſtellen. Wie ich aus ſicherer Quelle erfahre, beſiken die Schweſterſtädte 1834 ſogar drei Schnupftabakfabriken. Ihre Priſenwavre, „Saarbrücker“ genannt, hat es verſtanden, ſich ſo gut ein- zuführen, daß ſie noch heute unter dieſem Namen jenſeits des Rheins fabriziert wird. In unſerer Heimat ſelbſt geht im Laufe der Zeiten das Geheimnis der Bereitung verloren, ihre Kunſt iſt vergeſſen. Der biedere Bürger baut ſeinen „Köhl“, trinkt mit Behagen das von 20 hieſigen kleinen Brauereien hergeſtellte Braunbier und lebt ſchle<t und recht als Ackerbürger oder Handwerker beſcheiden dahin. Allen Leckereien und Sc<lekereien iſt man damals noch Jahrzehnte hindurc<h abhold. Ein Zucker- bäcker, der dieſen Bann brechen will und iden erſten Tempel ſüßer Kunſt am St. Johanner Markt aufſchlägt, muß ſeinen Laden wegen Ueberfluß an Kundenmangel bald wieder ſchließen. Wenn die Höchſtgeſtellten ſich in ihrem *) Fiat ivstitia, pereat mundus, Gerechtigkeit herrſche, au wenn die Welt dabei unterginge. Ar