Der überliſtete Klarinettenfrit. Trotz ihrer ſchweren und ſtets gefahrdrohenden Arbeit haben unſere Saarbergknappen Sinn für Humor. Er ſpricht ſich ſchon in den Spißnamen aus, mit denen ſich die Kameraden, oft in Erkennung <arakteriſtiſcher Merk- male des einzelnen, ſo gerne belegen. Weiter lieben es unſere Knappen, ſich gegenſeitig zu hänſeln und die Shwächen guter Freunde für mancherlei Kurzweil auszumüßen. Beim Halbſchichtbrot an der Mündung der Flözſtrecke Aſter der H.-Grube ſigen gemütlich beieinander der Schienenmatz, Hopplahopp, ider Michel von Otzenhauſen, Huſarenjübche und Vetter Bernhard. Sie unterhalten ſich über iden zu allem Schabernack ſtets auf- gelegten Klarinettenfrit, der manchem von der Kameradſchaft ſchon übel mitgeſpielt und ihn lächerlich gemacht hat. Nur der Vetter Bernhard erzählt, wie er dem alten Fuchs eine Falle ſtellen konnte und ihn auch darin zu fangen wußte. „Jhr wißt doch,“ ſagte er, „daß de Frit frieher bei de Bergkapell die Klarinett gebloſt hat. Als er dann verunglickte un aus idem Neinkerjer Lazarett entlaſſe war, hat er ſich pangſioniere laſſe. Er is Wittwer, hat ke Kinner un ſei ein un alles is ſei Klarinett un uf der ſchpielt er jede Omend vor idem Sc<hlofegehe e ganz Zeit lang. Als ich aus de Palz hemkam, hat er als mei Nachbar wiſawi in einer Manſard geſeſſe. Ich han drei Omende ſeinem quietſchen- den Geblos zugeheert un ich han werklich gedenkt, wenn doh nur ide do Vochel wieder fort wär. Jh han im Bett geläh, do han ich noch idas Gedudel vom Antoniusmarſch gehört un Lieder wie „Herzliebhen mein unterm Rebendach“ und „Sah ein Knab ein Röslein ſtehn“ hat er in alle Verſe geſchpielt un ſo ſchrecklich, ich han Leibweh davun gehat. Am vierten Dag ſinn ich zu ihm gang, es war omends um ſiwe Uhr, un han zu ihm geſat: „Vetter Fritz, ſo ſcheen han ich noh net ſchpiele geheert, wenn Ihr mir jeden Omend ſo ſcheen ſchpielt un immer ide Antoniusmarſch dabei, gew ich Eich vo jeden Omend finfunzwanzig Penning.“ Un de Fritz war ſeelevergniegt un hat -- ich han noch ä bißc<he mit ihm geſchwäßt -- noher hinner mir hergeſchpielt: „Freut euch des Lebens!“ IH han ä ganz Woch ä ſcheenes Omendkonzert gehat, daß alle Katze ausgeriß ſinn un die ganze Nachbarſchaft hat Teil genommen an ldem Finfunzwanzigpenning-Konzert. Sunndagsmiddags bin ich dann zum Klarinettenfrit gang und han ihm geſat: „Mei liwer guter Freind, vun heit an zahle ich nix mehr. Ih han mich erkunnigt, ic brauch nix zu zahle un kann (doch idei Konzert höre. Do hätſcht de awer de Klarinettfriz höre ſolle. Ufgeſprung is er und hat geſchrie: „Was, zahle wolle Jhr net mehr, dann ſuche Eich awer ach ä annerer, ider vo Eich ſchpielt.“ Was hat er gemacht? Am annere Da hoi er ſei Dachkammer gekinnigt un vor acht Da is er noch Neinkerje gezo. Geſchpielt hat er nix meh. Als er mit dem Doppeljohann ſei Fuhrwerk no Neinkerje zog, is ihm de Schlempehäns begähnt un hat geſat: „Mich haſcht de öfter verwitſcht, awer de Vetter Bernhard hat Dich aach verwitſc<ht. Der wollt nur mache, daß am omend die Micke ſc<hlofe kenne. Mit Deinem Gedudel ſin alle Hunde wild worre un alle Singvögel zu arank. Da is de Klarinettefriß aac krank worre vor Aerger un Künſtlerſtolz un kreiſcht: „Hier jaule ſe vor Kunſt, un in Neinkerje ſuche ſe e Muſikdirektor!“ Von den „Asbachern“. Der Stamm öder Arbeiter auf der Halberger Hütte in Brebach waren die alten Asbacher. Sie ſiedelten mit dem 1919 verſtorbenen Jnduſtriellen, Geh. Kommerzienrat Böcking, Ende der ſechziger Jahre vorigen Jahrhunderts mach der Still- legung der Asbacher Hütte nach dem Saartal über, um ſich eine neue Heimat zu gründen. Unter dieſen biederen und treuherzigen Leuten waren einige Köſtliche Originale, vor allen Bertges Friß, genannt „Feierabend“. Dieſen Spitznamen erhielt er wegen eines, durch ihn hervorgerufenen peinlichen Vorfalls in der Brebacher Kirche. Es war ein heißer Sommertag, die Arbeit der Woche hatte den B. hart mitgenommen, er war müde und ſ<lief wähend 'der Predigt ſanft ein. Als er anfing zu „ſägen“, wurde er von den neben ihm ſißenden zwar einigemale unſanft aus ſeinem Schlummer gerüttelt, aber nach wenigen Augenblicken nickte er wieder ein, träumte von ſeiner Stammkneipe und platzte plötzlich mit ſJeiner kraftvollen Baßſtimme in die Feier hinein: „Feierabend, Feierabend!“ Es war 'das Wort, das er ſo oft von dem Polizeidiener Jſengardt vernommen, wenn er im ſchönſten Zuge am Trinken war. Der Schrecken über dieſe Störung des Gottesdienſtes malte ſich auf allen Geſichtern. Alle ſaßen wie erſtarrt, ſelbſt Pfarrer Hauſtein verſchlug es das !Wort in der Predigt. Aber dann kanzelte er den Störenfried tüchtig ab, der ganz zuſammengebrohen und zerknivſcht unter der Strafpredigt und iden zürnenden Blicken der ganzen Gemeinde vor ſich niederſah. In ider Stammkneipe Schlüter begoß er ſein Malheur und zugleich ſeine zweite Taufe. Seit jener Unglücksſtunde kannte ihn niemand anders als unter dem Namen „Feierabend“ Einſt ſaß er mit ſeiner Familie beim Mittagsmahl. Schmalhans war Küchenmeiſter, es gab nur Kartoffel und Schnittlauchſalat. Frit iſt darüber höchſt unwillig und meint verdrießlich: „Js datt e Eſſe vor e Mann, wo ſo ſchafft!“ Einer ſeiner Söhne fällt ihm ins Wort: „Jo, wo ſo ſauft!“ | E we] Ww: