Gerne höre ich auch in der Eiſenbahn zu, wenn von Politik die Rede iſt . . . weil ich davon nichts verſtehe . . . Von Remarque bis zur hohen Politik iſt es nur ein Schritt ... Alſo . . . Der eine ſagte in das Geratter des Zuges hinein mit begeiſterter Stimme . .. es ſei doh ein Glück, daß die Völker die Abſicht hätten, dem unſeligen Kriegsgedanken den Todesſtoß zu verſetzen. Das wolle ja auch Remarque . . . er wolle die Wurzel pflanzen zur Völkerverſöhnung uſw. uſw. Der andere wuchtete mit geſchwollenem Enten dazwiſchen . . . Quatſch ſei das . . . Völkerverſöhnung!! Solange Völker beſtünden, würden ſie ſich bekämpfen . . . Sei auh richtig . . . Solange es Sieger und Beſiegte gäbe . . . lebe der Rachegedanke in jedem rechtſchaffenen Herzen . . . Und wenn es nach ihm ginge . . . morgen ginge er wieder mit. (Hatte ſicher eine Kantine.) Wenn ſc<on, donn Komp ir aufs Meſſer. „Nö . . . Nö“, ſchloß er, „dafür bin ih denn do zu ehr Pazifiſt.“ ! Ic<h habe erneut feſtgeſtellt, daß ich von Politik wirklich nichts verſtehe . . . von Pazifizierung aber ſchon rein gar nichts. NeujahrSswunſc<) aus Saarbrücken 1774. Von Heinrich Leopold Wagner, mitgeteilt von Prof. Dr. Kloevekorn. Auf Verwendung und Empfehlung des Regierungsrats Chriſtian Gottlieb S<öll war Goethes Straßburger Studienfreund Heinrich Leopold Wagner, der ſich ſchon mehrfach dichteriſch betätigt hatte, in das Haus des Präſidenten von Günderode nach Saarbrücken gekommen und hatte von dieſem die Stelle als Hauslehrer für ſeine Kinder erhalten. Wagner trat hier auch in Beziehungen zum Saarbrücker Hof, an deſſen Spie damals Saarbrückens letter Fürſt Ludwig ſtand. Nun war es in Saar- brücken wie an vielen kleinen Höfen jener Zeit üblich, daß bei allen möglichen Ge- legenheiten, bei Sodzeiten, Geburten, Taufen, Namenstagen, Neujahrstagen uſw. Einzelperſonen wie auc< Körperſchaften ſ<hmeichleriſ<e und kKriedheriſ<e Gedichte gedruckt am Hofe überreichten. Gegen dieſe poetiſch meiſt ve<ht minderwertigen Elabo- rate empörte ſich Wagners dichteriſcher und grader, aufrechter Sinn, und er ließ durch ſeine beiden Schüler, die Kinder des Präſi- denten, dem Erbprinzen Heinrich eine Fabel „Der Fuchs als Gratulant“ überreichen, worin er dieſe Schmeideleien in poetiſcher Form köſtlich ironiſierte. Am Neujahrstage 1774 griff H. L. Wagner wiederum zur Feder und machte ſich wieder luſtig über die phraſenhaften, inhaltloſen und unwahren üblichen Glückwünſche und faßte dann ſeine Wünſche, die auf eine Beſſerung der Menſchheit abzielten, in ein Gedicht zuſammen. - Aus dieſem, etwas lang geratenen Neu- jahrswunſch hier einige Strophen, Blüten des Poems. Vom lügneriſchen Charlatan Bis auf den frommen Gottesmann, Der am Altar auf jedes Laſter flucht, Das unverzollt ſich einzuſchleichen ſucht, Wünſcht heute, was nur wünſchen kann. Nicht gerade zartfühlend, ſogar überaus kühn, iſt der Paſſus, der dem durch Schmeichler verwöhnten Landesherrn übel in den Ohren geklungen haben muß. Dem praſſeriſchen Landesherrn, Der Geißel ſeines Volks, den jeder Bürger gern Im Notfall mit dem Großſultan ver- tauſchte, Den jeder Patriot am liebſten da be- lauſchte, Wo, wie ihr aus dem Dante wißt, Papſt Anaſtas für ſeine Sünden büßt, Dem wünſchet heute Stadt und Land und jedermann Do<hH mit den Lippen nur ein neues Leben an. Kurz, von idem Bauern bis zum Edel- mann, Vom Schultheiß bis zum alten Staats- miniſter, Vom Erzbiſchof bis zum kleinſten Küſter, Stimmt alles, was nur ſtammeln kann, Heut einen Glückwunſch an. Zum Schluß läßt der Dichter ſeine Muſe reden: Drum wünſch auß Du zum neuen Jahr Uns allen, was bisher noh war, Ja unbekannt wohl gar In dem verfloſſ'nen Jahre war: Den Fürſten Fried und Einigkeit, Den Staatsbeamten Redlichkeit, Den Pächtern etwas Menſchliqueit, Den harten Prieſtern Fühlbavkeit, Den Richtern Fleiß und Billigkeit Und weniger Parteilichkeit, Den Advokaten mehr Gewiſſenhaftigkeit, Den Aerzten ein Syſtem, das keinen Tadler ſcheut, Den Philoſophen Gründlichkeit, Den Schönen minder Eitelkeit, Dem Alter mehr Gelaſſenheit, Der Jugend mehr Gefälligkeit, | Kommt dieſer treue Wunſch in ſeine Wirklichkeit, So nlühet uns aufs neu 'die alte gold'ne eit.