Die Hand. Von Liesbet Dill. Sie lag in der alten Rokokovitrine, ſchlank und weiß, mit den langen Fingern einer Klavierſpielerin, zwiſchen alten Orden an breiten, bunten Moirebändern, die verſtorbene Männer der Familie an ihren Waffenröcken ge- tragen, alten Sevrestaſſen und lächelnden Schäferinnen aus Höchſter Porzellan und vergilbten Fächern aus feinſter Alenconſpite, mit denen ſich Hofdamen einſt auf Hoffeſten Luft zugeweht. Alles in dieſer Vitrine bedeutete etwas, hatte eine Rolle geſpielt in der Familiengeſchichte, und das Letzte, was hinein- gekommen war, war dieſe eigentümlich weiße Hand der Mutter, die vor einigen Jahren geſtorben war. So oft die junge Frau ihren Salon betrat, ihr Veilchenzimmer, in dem alle Möbel, die dicken Teppiche und die Wände in Violett gehalten waren, galt ihr erſter Blick immer der Hand der Mutter. Es ging eine merkwürdige Wirkung von ihr aus. Sie ſchien noch zu leben, ſich zu bewegen ... ſie lag da auf dem violetten Brokat, als habe die Mutter ſie beim Leſen leicht aufgeſtüßt. Es war die Hand einer Dame, die gewohnt iſt, Briefe zu ſchreiben, Bücher zu durch- blättern, Klavier zu ſpielen und feine Handarbeiten zu machen. Es war eine feine, künſtleriſch empfindende Hand, man ſah es an den gebogenen ſpitzen Nägeln. Sie erinnerte ſich, daß die Mutter nie einen paſſenden Fingerhut bekommen hatte, ſie waren ihr immer zu groß für ihre Fingerſpißen. Oft ſtand ſie vor dieſer Vitrine und betrachtete dieſe Hand ... und dachte an die Tote. Wie oft hatte ſie dieſe Hand lebendig und warm in ihrer Hand gehalten, aber jetzt, wenn ſie dieſe weiße, tote Hand berührte, fühlte ſie ſich kalt und leblos an. Sie ſtrich oft leiſe darüber und ſprach mit der Mutter ... Und die Hand tröſtete ſie in dunklen Stunden. Eines Tages geſchah etwas Sonderbares. Der Sohn war in ſeinen Ferien auf dem Lände bei einem Vetter. Er hatte längere Zeit nicht geſchrieben und ſie beunruhigte ſich deshalb. Als ſie durch das Veilchenzimmer kam, warf ſie einen Blick nach der Vitrine. Die Hand lag ruhig da, aber es kam ihr vor, als fei ſie etwas vorgerückt ... und ſie wies in eine Richtung des Zimmers. Die junge Frau ſchaute dorthin und ſah, daß die Hand auf das Bild ihres Sohnes wies, das auf dem Schreibtiſch ſtand ... Im Augenblick ſette ſich die Mutter an das Telephon und rief ihren Vetter an. „Wie geht es Hans?“ fragte ſie. Der Better war ſelbſt am Telephon. „Ganz gut“, ſagte er, „bis auf eine Erkältung ſeit geſtern, er klagt über Leibſchmerzen, wir haben ihn ins Bett geſteckt ... Es iſt nichts Schlimmes, unſer Arzt iſt gerade verreiſt, es wird ſich wohl geben.“ - . An und für ſich war es ſicher nichts Schlimmes, daß ein wilder zwölfjähriger Junge ſich einmal erkältete und über Leibſchmerzen klagte, aber die Mutter hatte eine Unruhe erfaßt. Die Hand, die Hand wies immer ſo energiſch auf das Bild ... Schließlich packte ſie ihren Koffer und fuhr aufs Land. Sie traf ihren Sohn fiebernd im Bett, die Shmerzen waren immer ſchlimmer geworden. Trotz des Widerſtrebens der Verwandten packte ſie ihn ein und brachte ihn zur Stadt ins Krankenhaus. Er wurde unterſucht und in derſelben Nacht noh operiert: Blinddarmentzündung ... . „Ein Glück, 'daß Sie gekommen ſind“, ſagte der Chirurg, „ein Tag ſpäter und wir hätten ihn nicht mehr retten können ...“ . Seitdem waren Jahre vergangen, ſchwere Jahre für die Famitie Die junge Frau hatte ihren Mann verloren, das Vermögen war zerfloſſen. Es hing alles noch von einem Schuldner ab, der eine größere Summe zu zahlen hatte, aber er weigerte ſich, da der Akt nicht mehr vorhanden war. Der Beweis hing von einem Datum ab, das der Schuldner beſtritt, der Notar, der den Akt gemacht, war verſtorben, ſein Büro aufgelöſt. Der Anwalt zuckte die Achſeln, wenn ſich der Akt tatſächlich nicht mehr fand, konnte man nichts beweiſen. Aber der Akt fand ſich nicht, man hatte alle Shränke durchſucht, alle Winkel Jb