Saarkalender für das Jahr 1929 standen bereits ſieben Vorstrafen ähnlicher Art und deshalb pochte der Staatsanwalt auf seinen Indizienbeweis, den der Verteidiger, ein großer Rhetoriker, zu zerpflücken ſuchte, so gut es eben gehen wollte. Es fehlte eben das letzte Glied in der Kette der Indizien: der güldene Chronometer, der dem älteren besseren Herrn geſtohlen worden war. Daß ihn die Angeklagte stibitzt hatte, konnte keiner der Zeugen auf seinen Eid nehmen. Es be- stand die letzte Möglichkeit, daß die Uhr verloren gegangen war. Schließlich erfolgte auch ein Freiſpruch mangels Beweiſes. Draußen auf dem Korridor dankte die beinahe „un- schuldig“ Verurteilte überſchwenglich ihrem Verteidiger, tief unglücklich darüber, daß sie ihm kein Honorar geben konnte. „Nehmen Sie das als ein Andenken!“ rief sie und zog plotzlich zur größten Verblüffung des Anwalts eine goldene Uhr aus der Taſche . . . Der Anwalt verweigerte die Annahme und entfernte ſich. Seine Klientin ging erhobenen Hauptes von dannen. Aus der Schule. Ein Lehrer schreibt mir: Ich erzähle meinen Schulkindern die Ge- schichte vom gehörnten Siegfried, vom Drachenblut und dem verhängnisvollen Linden- blatt usw. Alle sind sehr aufmerkſam und lauſchen; sie können nicht genug hören von dem jungen, tapferen, unverwundbaren Helden der deutschen Volkssage. Ich richte dann an die Klasse die Frage: „Wie kam es also, daß Siegfried unverwundbar war?“ Nach löugererm Schweigen hebt ein Junge die Hand hoch und ruft: „Er war hartleibig, Herr ehrer.“ Die vorſichtige Gattin. Im beschleunigten Personenzug Saarbrücken–München sitzt ~ so schreibt man mir + ein älteres Ehepaar. Der ſichtlich nervöſe Mann beläſtigt durch ununterbrochenes Hin- und Herlaufen das ganze Abteil. Schließlich, als er ſeinen Kopf aus dem Fenſter steckt, hört man die „besorgte“ Gattin: „Fritz, wie leichtſinnig, den Kopf ſo weit aus dem Fenster zu strecken. Wie leicht könnte ein vorüberfahrender Zug ihn dir wegreißen. Gib mir wenigstens deine goldene Brille her!“ Von den Pälzer Kriſchern. Nach Dürkheim, so schreibt man mir, waren wir mit einem Auto gefahren, um den berühmten Wurstmarkt auch einmal in ſeinem vollen Glanze zu genießen. Nüchtern saßen wir in einem Restaurant, in vrm wi urs rem zaru per Käte ur nog y zh seter zieren VSgufe Sie I! ei Liter vun unser’ Pälzer Woin und dann ſchaue Sie zu, ob Sie's Maul halte könne!“ Aus einer höheren Töchterſchule ſchreibt eine lebensfrohe Schülerin: Wir haben ihn alle gern ven „Knax“. Diesen wenig schönen Beinamen hat der alte Junggeselle ergent-- lich nicht verdient, aber Undank iſt der Welt Lohn. Vor einiger Zeit erſchien er nicht pünktlich zum Unterricht. Nach fünf Minuten knarrt aber die Türe, „Knax“ stürmt herein und ruft uns wie zur Entschuldigung zu: „Jch wurde abgehalten!“ Allgemeines Grinſen auf allen Gesichtern, das sofort vom Gestrengen bemerkt wird und mit zornigem Gesicht brummt er uns an: „Wie die kleinen Kinder!“ Da platzt allgemeines helles Gelächter los, deſſen Ursache anscheinend ſchließlich auch der Unvorsichtige begreift mit den Worten: „Ich habe genug von der Kinderei!“ Von dem alten Prof. Dr. Sch. am Ludwigsgymnasium, der durch ſeine biſſigen Be- merkungen bekannt war, schreibt mir einer ſeiner Schüler: Nach dem Abitur + ich war nicht gerade ein Muſterſchüler - treffe ich den Profeſſor Sch. auf der Straße. Er redet mit mir auffallend freundlich über meine Zukunft. Ich will ihm in der natürlichen Un- beholfenheit eines mulus irgendetwas Schönes ſagen und ſtottere er ſtolz als Kompliment: „Jhnen verdanke ich alles, was ich weiß!“ Da ſpitzt er seinen bartloſen Mund, ſieht mich liſtig an: „Lieber K., reden Sie doch nicht von solch minderwertigen Kleinigkeiten!“ Der Ungeduldige. In einem Restaurant in D. wurde die Bedürfnisanſstalt zeitgemäß renoviert. Ein Plakat kündigt an: „Wiederhergestellt am 15. April.“ Darunter lese ich die Worte: „So lang’ kann ich nicht warten.“ P. R. 3. April 1927. Von einem Ueberfall in der Hafenstraße erzählt man sich nachſtehendes: „Geld oder Leben“ ſchreit ein Rowdi einen Passanten an. „Ich habe kein Geld,“ stottert der An- gefallene. „Wo kommen Sie denn mit der großen Taſche her?“ fragt der Wegelagerer. „Vom Finanzamt“, wimmert der andere. „Ah! Entschuldigen Sie, das genügt mir!“ und verſchwunden war der Frechling. / 161