Saarkalender für das Jahr 1929 Zur Geschichte des ſaarländiſchen Karnevals. Von Professor Dr. Kloevekorn, Saarbrücken. In Saarbrücken als einer vorwiegend protestantischen Stadt in der erſten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat Prinz Karneval nicht so schnell seinen Thron aufgeschlagen wie in den vorwiegend katholischen Städten des Rheinlandes, insbesondere Düsseldorf, Bonn und vor allem in der Metropole des rheiniſchen Faſchings, Köln. Während in dieſen rheinischen Städten in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Feier des Karnevals eine ſtarke Auftriebskraft bekommt, hören wir in den beiden Schweſter- städten an der Saar erſt etwa zwanzig Jahre später etwas von einem Auftreten karneva- liſtiſchen Lebens. Die Zeitung berichtet aus dem Jahre 1840, daß nächtliche Maskenauf- züge die Straßen belebt hätten, daß Tiroler und Tirolerinnen, Bauern, Türken, Fürsſtinnen, Bajazzos, Ritter, Knappen und Burgfräuleins in den Straßen Lärm gemacht hätten, und es wird eine komische Szene erzählt, wie ein als Amerikaner Verkleideter seine eben- falls verkleidete Ehefrau mit der Bemerkung vorgeſtellt habe, daß sie nur englisch ver- ſtehe, worauf sie das mit „Jo“ bekräftigt hätte. An Faſtnacht-Sonntag und -Dienstag war in vielen Lokalen der beiden Städte Tanzmusik, Faſtnachtsbälle gab es offenbar noch recht selten. Gewisse Gruppen taten sich zu närriſchem Tun zusammen, so verſammelten ſich die „Wölfe“ und „Köter“ in der Höhle des großen „Bären“ (das war eines der be- kanntesten Lokale in St. Johann). Nur eine Gesellſchaft hebt sich in den vierziger Jahren deutlich von dem sonst so bescheidenen karnevaliſtiſchen Betriebe ab: Die Gesellschaft „M o m u s“, die zum großen Teil aus Mitgliedern des Saarbrücker Kaſinos beſtand, und deren Erinnerungen aus den Jahren 184091844 unter dem Motto: Seid nur brav und zeigt Euch muſterhaft, Laßt Phantasie mit allen ihren Chören, Vernunft, Verſtand, Empfindung, Leidenſchaft, Doch, merkt Euch wohl, nicht ohne Narrheit hören in einer umfangreichen Broſchüre herausgegeben wurden. Unter dem Szepter des alten Spaßvogels Momus, der Seele aller heiteren und lebensluſtigen Karnevalsgesellſchaften, waren alle Sorgen für einige Wochen verbannt. Seine Welt war das Reich des Spottes und der Satire. Niemand wurde davon verſchont, vor allem die nicht, denen das Spieß- bürgertum in den Knochen steckte. So bezweifeln die Mitglieder der Gesellschaft Momus, ob der Schalk Momus auch das „Kasino“ besucht, weil er dort überflüssig erscheine, wo das alte und neue Konversationslexikon, das Blatt für Geiſt und Gemüt und Publizität nebſt Zuckerwasser alle geiſtigen und körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen scheint und jede aufkeimende Luſt sich nach unten entlädt, indem dieselbe in die Beine schlägt und durch galoppierendes Tanzen sich Luft macht. Nicht ohne Geiſt und mit frischem Humor werden in den Sitzungen der Gesellschaft die versſchiedenſten Themen in satiriſcher Weise behandelt, z. B. die Politik der französischen Kammer, die sich in dieſer Zeit so eingehend mit der Rheinlandfrage beschäftigte, oder das Theater in Saarbrücken, über das es heißt: Mit hoher, allerhöchſter, ja übernatürlicher Hoheit, höchſter und allerhöchſter Bewilligung wird zum erſten Male auf den Brettern der Stadt Saarbrücken erscheinen: „Kathinka, die Entführte“ oder „Die Schreckensnacht in einem Garten“ oder „Der Jungfernsprung über einen Löwen“ oder „Was einem im Leben öfters begegnen kann“ oder „Nehmt Euch ein Exempel dran.“ Ein großes, miserables, ländliches Sitten- und ſittliches Lenden-Gemälde, hyſteriſch- ſentimentales Ritter- und jämmerliches, aus dem Leben gegriffenes Zwick-, Knuff-, Puffe und