Saarkalender für das Jahr 1928 ſ Altſaarbrücher Zahnchirurgie. Bis in die Sechziger Iahre des vorigen Iahrhunderts praktizierte in Saar- brücren als O©irurgiſcher Arzt der alte Herr K., Dater des ſpätercn Rentners und Stadtrats, Großvater des leider in jüngeren Jahren verſtorbenen Majors Heinrich K. Urwüchſiger Herr, der er war, verſtand er es vorzüglich, auch mit , kleinen Leuten“ beſtens ,„individuell“ umzugehen. In ſeiner Berufstätigkeit ſpielte auch das Zahnziehen eine Role. Kommt da eines ſchönen Tags ſo'ne dralle Spicherer Madame mit Zahnſchmerzen an. Der ,, Schuldige“ ſollte ,, ausgeriſſen“ werden, ein Wort, welches bei dem damals üblichen Zahn-Inſtrumentarium leider ſeine volle Berechtigung hatte. Die Zabnpatientin war ſehr ängstlich. Als sie ſich auf dem niedrigen Hockerſiz niedergelaſſen hatte und den damals beiiedten ,„Zahnſchlüsſel“ sah, mit dem die Zähne ,,geriſſen“ wurden, bekam sie's dermaßen mit der Angſt, daßt – ~ ~ Die Frau ſah den Chirurgen in tödlicher Derlegenheit und voll Scham den Chirurgus an, der aber berzlich lachte: „VS o, d är w är j a ej a u s,“ ſagte der alte Herr K., „d ä ann er e wär e mr a a er au s k r i e h n.“ Und er kriegte ,dä annere“, nämlich ven ſchmerzenden Zahn, auch wirklich gut „ET aus“. Dr. W. M. Der grüne Stift. Friedlich lag er jahrelang in der Ecke eines Tiſchkaſtens in einem Büro der Stadt S. Viemand wußte, woher der ,„Stummelfritze" ſtammte, er hatte ſich vielleicht eingeſchmuggelt, um geruhſam den Reſt ſeines Lebens zu verbringen. Doch eines Tages war der unſchuldige Stummel die Ursache einer Palaſtrevolution. Der Reviſor erſcheint, prüft die vorgelegten Aktenſtücke, alles iſt in ſchönſter Ordnung, es klappt, – da, o Schrecs! Der Reviſor runzelt die Stirn, in einem Aktenſtück iſt eine kurze Notiz mit grünem Stift verzeichnet. Lieber Leſer, erſchrecke nicht über das, was folgt. Feſtgeſtelt wird, daß in amtlichen Akten nur Rotſtift, aber kein Grünſtift zu Notizen verwandt werden dürfe. Im übrigen ſei aufzuhellen, woher dieſer ſtamme, auf welche Rechnung angeſchafft uſw. Das corpus delicti wurde nicht einmal rot vor Scham, die Mitſünder lachten herzlich über den heiligen Bürokratius, der ſo ſchön jeden freiheitlichen Geiſt überdauert hat. Tja, tja, hei lewet noch, hei lewet noch und wackelt mit dem Schwof und wer mir das nicht glauben will, na, der iſt wirklich doof! Don einem Merziger Spaßvogel. Ein Freund in Merzig, der nachſtehendes ſelbſt mitangeſehen, ſchreibt: Steht da vor dem Kriege an unserem Stadthauſe ein Merziger Einwohner mit Chriſtbäumchen, als eine Konkurrenzfulfre von auswärts naht. Dieſe konnte dem „Merziger Iungen“ das Geſchäft gründlich verderben. Doch unser Spaßvogel tröſtete ihn mit den Worten: „Laß meich nure maache“ und geht zu dem 50 Schritt weiter haltenden Derkäufer, der eben ausgeſpannt hat. „Schien Baamcher dat, wat koſcht deen?“ „Eine Mark.“ „Hm, recht ſchien, awer viel ze deier, do owen der verkaaft dat ſelwe Baamchen fer 40 Pennig on brengt gleich noch zwei Fohren heiher, dann geft Stöck for Stöck for 20 Pfg. verkaaft!“ Der Mann machte große Augen. „Dann kann eich hei neiſcht maachen, dann fohren eich no Beckingen, do grein eich ſe beſſer bezallt.“ Sagt's, ſpannt ein und fährt mit grimmigem Blick auf seinen Konkurrenten davon. Eine halbe Stunde ſpäter kommt von der anderen Seite her ebenfalls eine Fuhre mit Chriſtbäumchen. Bevor dieſer noch hielt, war unſer Spaß- vogel auch ſchon bei der neuen Konkurrenz. „Maacht Eich nur no emol gleich of de Socken, hei verkaaft hie kaan Stec. Lo enne ſstaht aner, de bringt ſe de Leit for 10 Pfg. ent Haus, ewen es och'n Fohr oobgedampt. On Erer Stell geng eich no Dölklingen fohren, den Fohrloon kemt dobei raus, do geft kan Baamche ener aner Mark verkaaft!“ – „Dann geft gor net ausgeſpannt, jäh Schemmel,“ und mit verächtlichem Blick auf ſeinen 10-Pfg.-Konkurrenten geht's am Stadthauſe vorbei nach Dölklingen. Bergmannslatein. Saßen einſtmals zwei alte Penſionäre zuſammen und tauſchten ihre Erlebniſſe während ihrer Dienſtzeit aus: , Siehſchte, Hannes, ſagte Peter, der Schachtzimmerhauer war, emol han eich doch groß Glück gehatt. Do hann eich e Repratur im Schacht gemach un n f a ll e jo d o b ei v on d er S ch a a l. Zum Glück denk ich an mei B e il, faſſe 's unn hau es em Fallen en de Zimmerung, unn was denkſchte, Hannes, do dran ball eich meich, bis ſe meich erausgeholl han.“ „Das war Glück“, meinte Hannes, „awer mir hatt's emol noch ſchroer gang. Dat wor, wie m'r dene neie Schacht abgedeift honn. Do ſinn eich aach emol enunner gefall; awer was denkſchte, Peter, wie's gang hatt? Eich falle off e Bohlen, der wo enewennig erausgeſtann hatt, unn der ſchnellert mich wedder ans Dageslicht.“ „„Do haſchd de awwer aach Glück gehatt, Hannes,“ meinte Peter, nahm seine Mütze und ging mit Glückauf! „Salut au Forbach.“ Dr. H. D. ſchreibt von einem Beſuch der einſt ſo bekannt gewordenen „Kleinen Garniſon“: Wir fahren im Auto in zehn Minuten nach Forbach. An einem der erſten Hotels wird gehalten. Höflich verweiſt man uns ins Speiſezimmer. Die Hors-d’'oeuvres ziehen gerade an uns vorüber, als wir aus den Reſtaurationsräumen die ſchneidigen Rhythmen eines deutschen Armeemarſches vernehmen. Das iſt doch der Prinz-Eitel-Friedrich-Marſch, meinte mein Freund, der als Offizier ſich während des Weltkrieges in dieſer Spezies beſondere Kenntniſſe erworben. I wo, erwiderte ich, ſo was wird man hier jetzt nicht ſpielen. Im Nu war mein Freund draußen, trat hinter den Kapellmeiſter und ſchaute über deſſen Rücken in die Partitur. Dick durchſtrichen war da gedruckt zu leſen: „Prinz-Eitel-Friedrich-Marſch“ und darüber von der Hand des Kapell- meiſters „Salut au Forbach“. Offenbar liegt dem Kapellmeiſter dieſer klangvolle deutſche Armeemarſch ſehr am Herzen und er will ihn in ſeinem Repertoire nicht miſſen. So machte er aus der Not eine Tugend und da heißt es corriger la fortune. Auch in der Schneckenſtadt fühlt man es, ſie bleibt überall der Sieger: die deutſche Muſik. Kuricrt! Ueber Dr. L. ſchreibt mir ein Sulzbacher. Dr. L. gehörte zu unſerer Tafelrunde, deren Mitalieder ſtreng darauf achteten, daß der alte, viel beſchäftigte Herr in unſerer Mitte nicht von „Naſſauern“ behelligt wurde. Er wußte ſich aber nötigenfalls auch ſelbſt zu helfen. An einem Abend begann ein als Geizhals bekannter Herr R. den gutmütigen Arzt zu attackieren: „Ich habe mich arg auf der Iagd erkältet, ſeitdem muß ich fort- während huſten und nieſen wie eine alte Ziege. Was würden Sie, Herr Doktor, in dieſem Falle tun?“ ,,Tja“, ſagte L., „ich würde dann auch wohl fortwährend huſten und nieſen wie eine alte Ziege!“ R. trank mit ſelt- ſamer Eile ſeinen Schoppen aus und verſchwand unter fröhlichem Gelächter ſeiner Freunde. m 162 E ~<