Saarkalender für das Jahr 1927. Das ,.Waldjceſchs“ war immer ein Saarbrücker Volksfeſt. Und am Glücksrad das Schickſal zu verſuchen, feſtſtehende, unverbrüchliche Tradition. Mein Freund S. R. hatte dabei einmal das abſolut nicht ſeltene Glück, ein Gefäß der Nacht, einen ,„Pottſchambel“, wie es in Saarbrücken heißt, zu gewinnen. Seine junge Frau war über den Gewinn ſchr indigniert und über die mehr oder minder feinen Späße der Freunde faſt beleidigt. Zu einer furioſen Wut wandelte ſich aber ihre Stimmung, als S. ſich das bauchige Gefäß mit Bier füllen ließ und damit einen großen Rundtrunk veranſtalten wollte. Die beſſere Hälfte riß ihrem Ehegemahl verſchiedene Male den eigenartigen Becher vom Mund, als er daraus den erſten Schluck nehmen wollte. bis S. R. ſchließlich ſo in Rage kam, daß er mit ſeinem Stock in „die Hihn“ des Pottes faßte und Topf samt Inhalt hinter ſich in die „Gegend“ feuerte. Daß er ſeiner Frau dabei ,,das nei Grinseidene“ bekleckerte, wäre nicht ſo ſchlimm ge- weſen, als daß er einer behäbigen Matrone, die gercde vorbeiging, den Pott mit Dehemenz an den Schädel warf. Die Frau wurde ob des ungewöhnlichen Wurfgeſchoſſes ohnmächtig –~ als sie aber wieder zu ſich kam, deckte ſie meinen Freund derartig mit DVerbalinjurien ein, wie es nur langgeübte „Schbräweſchniſſer“" fertig- bringen. S. R. zahlte reumütig ſeine zehn Mark Schmerzensgeld und entzog ſich fluchtartig der hohnlachenden Menge. Den Zuruf der Matrone: ,He, Sie hann ihr Dippe vergeß!“ quittierte er aus der Entfernung mit einem reſignierten Abwinken. Er hatte genug von den Waldfeſtfreuden. H. G. Die Zollgrenze, im allgemeinen ein diätetiſches Mittel, der Volkswirtſchaft eine unwillkommene Ueberfütte- rung des eigenen Landes zu verhindern, wird manchmal zu einer Prüfſtelle menſchlicher Intelligenz. Des Paſſanten einerſeits, des Zollkontrolleurs andererſeits. So in dieſem Fall: Sitzt im Zuge von Trier nach Saar- brücken eine Frau, einen funkelnagelneuen Regenſchirm krampfhaft zwischen die Knie geklemmt. Jeder ſieht, der Schirm iſt ſo neu, wie er neuer nicht ſein könnte. Auch der Zollbeamte ſieht das, er fragt die Frau: „Haben Sie was zu verzollen?“ ,,JIo, der Schirm do!“ ,„Aber der Schirm iſt doch ſchon gebraucht!“ ,Enä. Der Scherm is neil‘ n „Aber Frauchen, Sie haben den Schirm doch ſchon mal aufgeſpannt!“ ,„„Enä. Der Scherm is ganz nei!l‘N „Na, hören Sie doch mal, liebe Frau, Sie haben doch den Schirm ſchon über die Straße getragen?“ „Enä! Zum Dunnerwedder, eich ſahn Eich doch, der Scherm lo is ganz nei. Eich honn en äwe erſchd in Trier in dr Brodſtroß kaaf. Er is werklich ganz nei!“ ,a, dann hilft das nicht, d an n m ü ſſ en S i e i h n v er zo 1 1 en ! Die Frau machte kein gerade geiſtreiches Geſicht. Aber die liebe Mitwelt freute ſich. Es war noch zur Zeit der Markinflation. Dier Mann hoch, Vater, Mutter, Tochter und Sohn, zieht die Familie mit einer Brieftaſche voll Franken ins übrige Reich, um zu hamſtern. Mit unglaublich ſchweren Ruck- ſäcken paſſiert man abends die Mettlacher Zollkontrolle. Fritz, der Sohn, vorwitzizg und naſeweis, mit dem ſchwerſten, einem wahren Staatsſchinken im Rucksack, kommt unangefochten durch. Den Vater und die beiden weiblichen Familienmitglieder greiſt das Verhängnis – der Kontrolleur. Langes Palaver. Sie ſollen Zoll zahlen. Als Fritz das ſieht, nähert er ſich der heftig diskutierenden Gruppe. Der Zollbeamte weiſt ihn barſch fort. Er verſucht es noch drei-, viermal heranzukommen, immer wütender von dem Zollbeamten bei Seite ger jagt, bis er plötzlich beleidigt erklärt: „E i ich ge h e er e do < z u d enn e Dre i !“ Worauf man ſich auch ſeines Staatsſchinkens zolltechniſch annahm. Die reingefallenen „„Alkoholpilger“. Eine Schar Ausflügler beſteigt in Saarlouis den Zug. Sie haben eme Menge Alkohol bei ſich, ſind aber überzeugt, ihn über die Grenze zu ſchmuggeln. Sie tuſcheln über ihren Plan und spielen ſodann Pilger, die auf einer Wallfahrt begriffen ſind. In Mettlach hört man ſie in ihrem Abteil ohne Unterlaß beten. Der franzöſiſche Beamte geht mit einem höflichen Griff an ſein Käppi grüßend vorüber. Nicht ſo der deutſche Zollkontrolleur in Serrig. Er ſieht ſich die fleißig Gebete herſagende Gesellſchaft an, lächelt und unterzieht das umfangreiche ,„Pilgergepäck“ einer eingehenden Durchſicht, wobei er findet, daß 42 Flaſchen Schnaps für 10 fromm ſein wollende Leutchen doch etwas reichlich ſei. Der geſamte Alkohol wird konfisziert ~ und die Gebete verſtummen sofort. In Saarburg wußte der ganze Zug bereits den Zwiſchenfall, denn die Schmuggler ſchimpften weidlich, man hörte keine Gebete mehr, aber man fluchte läſterhaft. Selten hat ein Zollkontrolleur die Lacher auf ſeiner Seite, aber diesmal freuten ſich ohne Ausnahme alle Mitreiſenden über den Reinfall der „Alkoholpilger“. So geschehen im Auguſt 1925. R. S. Sie weiß Beſcheid. In Ottweiler iſt der Zug eingefahren. Schon wird wieder das Signal zur Weiterfahrt gegeben. Da kommt mit hochrotem Gesicht noch eine ſehr korpulente Frau einher, eilt auf ein Abteil zu, in dem 7-8 Seminariſten ſißzen und beginnt einzuſteigen. Da ſchalt es ihr aus einem halben Dutzend Kehlen ent- gegen: „A Il e s v o 1I1 – alles voll h i e r, ſehen Sie denn net, daß hier alles voll is?“ Die resolute Frau klimmt ruhig weiter empor und plumps ſitzt ſie zwischen den Iünglingen, die auseinanderſtieben, wie die kleinen Fiſche vor dem Hecht. Und dabei sagte ſie: „„Mennen Ihr, eich fercht meich, ich hann alle Dah mit Volle ze duhn, unn weeß mit ne umzegehe, ~ i < ſ i n nämlich e Wertsfraa !“ Ein ,„Schlau“meier. Gelegentlich eines Radfahrerfeſtes, das in einer Ortschaft des Saarreviers abgehalten wurde, hat ein Radler folgende, nach Stenogramm niedergeſchriebene, inhaltsreiche Rede an den feſtgebenden Verein gehalten: „Derehrter Radfahrerverein! Daß mr unſer Derein zu Eurem heutige Feſchd engelad hann, das hat uns gesſchlaut, und daß mr uns aach ein Preis zukomme geloß hann, sell ſchlaut uns noch meh, unn wann unser Verein im näſchde Iohr ſein Feſchd feiert, dann lade mer Euch aach een, unn wann Ihr dann ein Preis verwitſche, dann kön n e I h r Eu ch a a < ſ < l a u e. Adſchö unn Allheil!“ Unbegreiflich. Ein Mädchen hatte ein Stück gebackenen Schellfiſch in einer Zinnſchüſſel auf den Herd geseßt für die Kate. AIs ſie wieder in die Küche kam, war das Zinn geſchmolzen und der Fiſch lag noch da. „Ech das dortig Dier,“ rief ſie, „jetzt hats die Schiſſel gefreß un dene gutte Fiſch laßts leie.“ 191