Saarkalender für das Jahr 1927. Die franzöſiſchen Truppen im Haargebiet. Von O tt o Eckl er, ehemaliger Chefredakteur der „Saarbrücker Zeitung“. Die Herrſchaft der französischen Militärverwaltung im Saargebiet setzte eine Woche nach d!m von der Truppenübermacht der Alliierten erzwungenen Waffenſtillſtand (16. November 1918) ein. Die Besetzung unserer Heimat durch die französischen Truppen erfolgte am 23. November 1918, nachdem die Tage vorher ein ununterbrochenes Zurück- fluten der deutschen Armee gesehen hatten. Die Erinnerung daran wird unauslöſchbar bleiben. So niederdrückend diese Tage waren, so erhebende Momente brachten Jie doch! Die Durchmarſchſtraßen überall ein Flaggenmeer, warmherzige Liebe ſpendete den marſchermüdeten braven deutschen Truppen das Letzte, was in der damaligen Zeit der Not aufzutreiben war. Es galt Abschied zu nehmen von den Braven, die unſere heimischen Fluren vor dem Einfall feindlicher Truppen bis zum letzten Augenblick geſchützt hatten. Das Saargebiet ging einem dunklen Geſchicke entgegen! Aber offen bekannte die Saarbevölkerung auch in diesen dunkelſten Tagen des Zuſsammenbruches deutscher Macht und deutschen Ansehens ihre treudeutſche Gesinnung. Wie auf ein gegebenes Zeichen verschwand überall der Flaggenſchmuck und mit eiſigem Schweigen nahm man den Einzug der ,ſiegreichen“ feindlichen Truppen auf. Der ſichtlich kühle Empfang löste eine üble Laune bei den Militäroberen aus. In den anbefohlenen Empfängen durch die Gemeindevertretungen fand sie ein Echo in der Herabſetzung der „deutschen Barbaren“, die all das Kriegselend gewollt und verſchuldet hätten. Daneben hohle Phrasen von der Großmütigkeit und Gerechtigkeit der „großen Nation“, um Leicht- empfängliche vielleicht zu locken. Das Saargebiet war in den Augen der französischen Militärgewaltigen erobertes Land, Mac Mahon’s Spruch; „J’y suis et j’y reste!" sollte nach ihrem Willen auch hier Geltung erlangen. Die Worte klangen an den Ohren derer, die gedemütigt werden sollten, ohne Eindruck vorüber. Die Militärdiktatur begann. Sie übernahm die Befehlsgewalt im Saargebiet. Auf- hebung der bürgerlichen Rechte war ihr sichtbares Zeichen. Militär- und Kriegsgerichte errichteten ihre Herrschaft. Die Not und Bedrückung der Bürgerschaft durch die Ein- E E E oc: der Saar in höllifche Seelenqualen verſetzte. Die franzöſischen Militärgewaltigen suchten im Saargebiet dem diplomatiſchen Ränkespiel in Paris um den geplanten Raub des Saarlandes vorzugreifen durch eine politiſche Bedrückung der Bürgerschaft. Die Aus- Ef quer qufcsyler betticher H116r cſten tn her vrulsificy Foy. s1: ter. t1 hin und her, um Stimmung für den Anſchluß an Frankreich zu erzwingen. Die Teuerungsunruhen im Oktober 1919 boten die willkommene Gelegenheit, die erdrückende Fauſt des Belagerungszustandes an die Kehle des Saarvolkes zu legen, nachdem die französischen Truppen zunächst untätig dem Anschwellen der Unruhe zugesehen hatten. In einer wahnsinnigen Schießerei in beleuchtete Fenſter tobten sich ldie französischen Truppen aus. Von Marokkanern wurde dabei im Hotel Meßmer ein frangösiſcher Oberft, der ſich dem Fenster genähert hatte, erſchoſsſen. Die französische „Gerechtigkeit“ erheiſchte es, daß die Stadt Saarbrücken dafür eine Buße von 100 000 Franken zu leiſten hatte. Wahrlich, die französiſche Besetzung nach dem Kriege unter der Zeit des Waffenſtillſtandes ließ nichts an kriegerischer Schärfe und Unterdrückung einer fried- lich gesinnten Zivilbevölkerung vermissen. Man fühlte sich eben in einem wenn auch leider, wie ein franzöſiſcher Oberſt es bedauernd gegenüber Saarbrücker Bürgern aus- sprach, zwar nicht eroberten, ſo aber doch „besiegten“ Lande. Vae victis! Inzwischen rollten in Versailles die Würfel um das Zukunftsgeſchick des Saar- gebietes. Das franzöſiſche Spiel gelang nicht ganz, aber die Lostrennung vom. Reiche auf 15 Jahre wurde von den diplomatischen Ränkeschmieden Frankreichs ſchließlich doch ertrozt. Das Saargebiet wurde „Schutzland“ des Völkerbundes, der es in treue Hände übernehmen ſollte. „Sollte!‘ Immerhin, das Schlimmste wurde noch abgewendet, der glatte Raub! Zu einem „neutralen“ Gebiet unter Hoheit des Völkerbundes, dessen Rechte in einem Saar-Statut niedergelegt waren, gestaltete man unsere Heimat. Der § 30 dieses Statuts bestimmt einwandfrei: 134