Saarkalender für das Jahr 1927. sehen. Bergleute waren requiriert, die Be- stattung durchzuführen. Wir Kinder ſahen mit Grauen zu. Ein General reitet von der Chauſſee herab zum heutigen Ehrental. „Es iſt auch ein Hauptmann von den T74Aern gefallen, iſt er hier beerdigt?“ Die Berg- leute bejahen die Frage. „Ich möchte ihn sehen, graben Sie ihn noch einmal aus!“ Es geschieht. Wie das Gesicht des Helden zum Vorſchein kommt, erblaßt der Gene- ral, er senkt das Haupt: ,@Es- iſt mein Sohn!“ sagt er bewegt. Noch einige Zeit steht er sſinnend vor dem toten Helden und mit den Worten: „Nun geben Sie ihm die Ruhe,“ reitet er mit seiner Begleitung longſgam gzurück. Diese kleine Szene machte auf uns Kinder einen erſchüttern- den Eindruck, ich könnte sie niemals ver- gessen. Bald waren aber in unseren kindlichen Gemütern die Schrecken der Schlacht ver- gesſen. Sehnſucht nach den Vätern, die vor Metz lagen, ließ uns Pläne schmieden, die umsomehr Anklang fanden, je pharn- tastiſcher sie waren, und so faßten wir am 14. Auguſt den Entſchluß, nach Metz zu wandern. Die Harupträdelsführer dieſer Tollheit von acht Knaben im Alter von 8—=10 Jahren waren dabei außer mir noch meine Mitschüler Kor b an, St e f f en, Mey er, wegen seines krauſen Haares Meyers Kruwwel genannt, und Si mon. Drei andere Knaben ſchlossen ſich dem Zuge an. Unser nächstes Ziel war Forbach. Die Chaussee paſſierten endloſe Kolonnen. Mit- leidige Artilleriſten nahmen uns auf den Protzen mit und fütterten uns mit Kom- misbrot und Speck. Während der Nächte verkrochen wir uns in irgendeinen Stall und am frühen Morgen ging es weiter, bis wir endlich die Zernierungs - Armee erreichten. Nach langem Umherirren fand ich die 65er. und überraschte meinen Vater, der mich weinend in seine Arme ſchloß. Nicht lange aber währte die Freude des Wiedersſehens. Man packte uns und ſchob uns ab mit einem Marketenderwagen, der nach Saarbrücken zurückfuhr. Der Besitzer Holtzmann, ein Einheimiſcher, kannte uns und hatte auf die Ausreißer ein ſcharfes Auge, sodaß uns eine Flucht und die erwünschte Rückkehr zur Belagerungs- armee unmöglich war. Dem Einzug in die Heimat wurde von uns mit bangem Herzen entgegengesehen. Holtzmann |tellte uns allen überaus liebenswürdig ein „naſſes Jahr“ zuversichtlich in Aussicht. In der Kleidung abgerissen, im Aeußern etwas verwildert, aber gut verpflegt trafen wir in der Heimat ein. Mit dem sichern Ge- fühl, für meine Extratour weidlich durch- geprügelt zu werden, kam ich zur Mutter. Sie hatte sich viel um mich gebangt, ars ſie von meinen Freunden den Schlachten- bummel erfuhr, war daher gerührt, mt) gesund wieder zu haben und liebkoſte d.e wilde Range, die heilfroh war, um den t zyrzersztes L-‘. lnés zeihehays 1 elterlichen Empfang recht übel ergangen. Meyers Ruwwel wurde so ,pvermewelt", daß man ihn gottsjämmerlich in der ganzen Nachbarſchaft heulen hörte. Auch Korban konnte ein Lied von elterlichem Zorne singen, er rieb sich tagelang noch die bewußte Stelle, da der Vater in seinem h L Ut U U Heiter e RR „Katzenköppen“ sehr ausreichend bedachte. Welche dauernde Wirkung die Züchttr- U? Has; n37 235.Lolqgoten erh:en: sehr viel gesehen, unsere Phantasie baute mit jedem Tage unsere Erlebnisse aus uno rief das Verlangen nach einer Wieder- holung hervor. Der Schulunterricht erfolgte inzwiſchen regelmäßig, unsere Gedanken beſchäftigten ſich aber ausschließlich mlt unserem neuen Fluchtplan. Bittere Källe trat im Januar ein, sſie verhinderte in- dessen unser Vorhaben nicht. Wir hörten, daß unsere Väter bei Villerſexel kämpften. Dahin wollten wir, um sie zu begrüßen, und so waren bald trotz Eis und Schnee sechs Kinder auf dem Weg nach Saar- gemünd. Dort biederten wir uns mit Sol- daten an, die uns in der Bahn mitnahmen. Wurden wir auf einer Station aus der Bahn verwiesen, so marſchierten wir und bettelten in den Dörfern. Das nächste Ziel war Straßburg, das wir bereits in etwas abgeriſſenen Kleidern nach vielen Müh- falen erreichten. Wir ſchloſſen uns Truppen- verbänden an, die in der Richtung Mül- hausen marschierten und mit uns sſcherzten. sobald wir ihnen erzählten, wir sein aus Saarbrücken und wollten nach Villerſexen. Allen Unbilden der Witterung trotzten wir, obgleich wir bereits nach einigen Tagen f! nur noch Lumpen auf dem Körper atten. In unserer Harmlosigkeit inen. pellierten wir eines Tages auf eine. Chauſſee einen auf einem einhertrottenden Gaule sitzenden Soldaten, der sich für unsern usflug sehr zu intereessieren schien. Nach der kindlichen Beichte hauchte aber der Herr Feldgendarm mit dem blinkenden Ringkragen – wir kannten bis dahin diese wichtige Perſönlichket.. nicht uns ganz gehörig an. Zurück gings nach Mülhausen, in einen Stall gesperrr 132