Saarkalender für das Jahr 1926. Reihe von Männern, von denen Generalmusikdirektor Felix L e d er e r im Zeitraum dreier Jahre für ein erstklaſſsiges städtiſches Orcheſter sorgte und außerdem im Verein mil dem jetzt nach Krefeld berufenen Oberſspielleiter Th eo Werner eine Oper be- gründete von mehr als durchſchnittlicher Bedeutung. Wenn dies in so kurzer Zeit gelingen konnte, so darf auch den übrigen Kräften, von deren Mitwirkung die künſt- leriſche Gestaltung der Oper abhängig war, Qualität nachgerühmt werden. Leider wird das Bemühen, ein gut eingespieltes Ensemble nach Möglichkeit zuſammenzuhalten, nicht erfolgreich genug durchgeführt, und so haben auch mit Ende der letzten Spielzeit wiederum eine Reihe von bewährten Künstlern und Künſtlerinnen Saarbrücken verlaſſen. Ein geplanter und hoffentlich nicht allzu ferner Theaterneubau wird einer weiteren günstigeren Entwicklung Antrieb sein. Der Opernſpielplan des lettten Jahres war charaktkteriſtiſch genug, um erkennen zu laſſen, welche Leitgedanken bei seiner Festsetzung maßgebend waren. Im Zentrum ſlanden die Werke Wagners und Mogarts. Anſchaulich wurden die Probleme der modernen Oper seit Wagner aufgerollt und an typiſchen Beiſpielen die von Wagner ausgehenden Hauptwege aufgezeigt. Da wären zu nennen: Puccini mit den drei Ein- aktern „Der Mantel“, „Schwester Angelika“ und „Gianni Schicchi“, d'Albert's „„Die toten Augen“, Schrecker's „Schatzgräber“ und Hans Gal’'s ,Die heilige Ente“. Das Wagnerſche Schaffen selbſt iſt mit der kurz vor Ende der Spielzeit erſtaufgeführten „Götterdämmerung“ ganz (mit Ausnahme von „,Rienzi“ und ,Triſtan“) in das Repertoir aufgenommen und abſchließhend mit einer geſchloſſenen Ringaufführung gewürdigt worden. Der andere künſtleriſche Pol lag in den Mogzartfestſpielen, denen die vorzüglich vorbereiteten Aufführungen der ,gZauberflöte“, des „Don Juan“, des „Figaro“ und ,Coſsi fan tutte" zu danken waren. Außer den angeführten Werken brachte dieſe Spielzeit: Auber: „Fra Diavolo“, Beethoven: „Fidelio“, Bizet: „Carmen“, Lortzing: „Zar und Zimmermann“, Verdi: „La Traviata“ und der „Troubadour“, Donizetti: „Die Regimentstochter“. Ungünſstiger liegen die Dinge (wenigstens bis Ende der Spielzeit 1924/25) auf dem Gebiete des Schauſpiels. Während unter der mit dem Jahre 1924 abſchließenden Aera des Intendanten Ernſt Martin das Schauſpiel als eines der beſten Weſstdeutſchlands galt, sank es innerhalb eines Spieljahres zur vollſtändigen Bedeutungslosigkeit hinab. Inwieweit der neue Intendant Fer d in an d Sk u h r a dafür verantwortlich gemacht werden darf, wird erſt nach der anhebenden Spielzeit 1925/26 beurteilt werden können. Das Schauſpiel ließ, wie die angeführten Werke beweiſen, keinen einheitlichen Willen erkennen. Es experimentierte anfänglich mehr oder weniger erfolgreich mit den Modernen: Rehfiſch „Wer weint um Juckenack“, Kaisers „Kolportage“, Mohrs ,„Jm- proviſationen im Juni“ und Wilhelm v. Scholz’ „Wettlauf mit dem Schatten“. Alle Verſuche um klaſssiſche Werke gingen fehl, ſo Calderons „Das Leben ein Traum“, als tiefster Punkt mit Shakespeares „Romeo und Julia“, wenig besser Goethes ,„Fauſt I“, Lesſſings „Minna von Barnhelm“. Daneben ſuchte man durch einen Volksſtückzyklus nach außen programmatisch zu wirken, ohne es innerlich zu sein. Wir nennen nur Raimunds ,Verſchwender“ und „Haſemanns Töchter“. Syſtemlos wechselten zeitweise Possen und unbedeutende Luſtsſpiele mit Ibſens „Volksfeind“, Strindbergs ,„Rauſch“, Wedekinds „König Nitkolo“, Schnitzlers längſt vergangener ,Liebelei“ und dem alten indischen Werk ,Vasantasena“. Die Gastspiele der Mitglieder des Saarbrücker Stadttheaters in Saarlouis, Neun- kirchen und Dillingen mögen an dieser Stelle auch genannt werden, da ihre Not- wendigkeit sich längſt erwiesen hat. Nur muß auch hierbei verſucht werden, systematische Kulturarbeit zu leiſten. Deutsche Kunst in deutſchem Geiſte pflegen sei unſer Wahlſpruch,. Wie kaum etwas anderes iſt eine universale Pflege der geiſtigen Güter für die Erhaltung ſtolzen Nationalbewußtseins notwendig. Und das Beſte kann uns nur gut genug ſein, um dieſes Streben zu verwirklichen. Wir Menſchen von heute haben den ungemessenen Wert einer bodenſtändigen Kultur für die Erhaltung und Belebung einer ſtolzen und selbſtbewußten Vaterlandsliebe, eines aktiv wirkſamen Nationalgefühls erkannt. Wir wissen um die verantwortungsſchwere Pflicht, Kunst und Wissenschaft nach Kräften zu pflegen. Wir verspüren ſelbſt die verborgenen Kräfte, die aus allen großen Kunlt- werken in die Seele fließen zum Heile eines höheren Menſchentums, jenes Menſchentums, dem die Last des Alltags noch nicht die reinen Quellen seiner Ideale verschüttet hat. Solches Menſchentum allein ist fähig, Träger des Friedens zu werden; denn die voll- kommene Achtung der eigenen nationalen “Würde muß in uns ſein, bevor wir einen Weltfrieden zu gewinnen trachten! 138