Saarfalender für das Jahr 1923 Saarbrücker Chronika. Von Otto Ed>ler. „Fmmer ſchneller, immer trüber, Zieht uns Jahr auf Jahr vorüber !“ Dieſen alten Spruch möchte i< meiner Saarbrücker Chronifa voranſtellen, denn er iſt wie für unſere Zeit gedacht, die immer trüber an unſerer Betrachtung vorüberzieht. Als ein echter Saarbrüder Kalender ſtellt ſich dieſes Buch ſeinen Leſern vor. Die alten Volkskalender umſchlingen ſeit den Tagen grauer Vergangenheit ein innig'8 Band mt dem Volke, das ihrer Ankunft harrte und mit ihnen das ganze Jahr durchwanderte. "Ueber ernſte und beſſere Tage in ſeiner engeren Heimat berichtete er ſeinen Volk8genoſſen, und beſonder3 in den Zeiten, da grimmige Kriegsfurien ihre Spuren tief ein- gruben in die Schiſalstafeln der Heimat, wußten die Kalender in ihrer derben Art zu erzählen von den. Nöten, die niederbrachen, was emſige Hände geſchaffen hatten. Sie waren ein Spiegel des Heimat- geſchehens, das ſie feſthalten wollten in ihrer beſchaulichen und oft doch recht wenig erbaulichen Schilderung für die, die es mitzuerleben hatten und für die Nachkommen, die gar fleißig in ſolchen Chroniken ſtudieren mögen, um mit der Heimat und ihrer Geſchichte enger zu verwachſen. Der Kalender, der nun für das Saargebiet ein Stück ſeiner Geſchichte mit feſtzuhalten beginnt, ſoll dieſer Liebe zur Heimat nicht entraten, er muß verſuchen, das Band um die Volks8genoſſen an der Saar zu ſchlingen und der Nachwelt mit zu erhalten, wie die Zeit das Geſicht ſeiner Heimat ver- änderte und tiefe Spuren darin eingrub, die ihr Bild veränderten und leider auch entſtellen. Denn wieder, wer weiß zum wievielten Male, ging die Kriegsfurie auch über dies ſchöne Stückchen Erde dahin, und ſie hat auch nach dem Begraben des Kriegsbeiles ihre Herrſchaft noch nicht aufgegeben. Und wie hat ſie das Bild unſeres lieben Saarreviers verändert! Böſe Tage waren es, die wir im Kriege durchlebten, aber auc< do<h Tage der Erhebung deutſcher Einigkeit, al8 nach der Schre>en8- nachricht von der Unvermeidlichkeit des Krieges ſich der Strom deutſcher Mannes8- und Jugendkraft zum Schuße der nahen Grenze über unſer Land ergoß. Jubelnd zogen ſie hinaus, Heim .und Herd zu ſhüßen, und an ihrer Begeiſterung richteten wir unſere Hoffnungen auf, daß der Brand des Kampfes nicht die Mauern unſerer Stadt umtoſen, nicht die blühenden Gefilde der Stätte reger Arbeitſamfkeit niederſtampfen werde. Sie haben gehalten, was ſie verſprachen. Dumpf rollte der Donner der Ge- ſc<hüße von fern her zu un3, ſtändig uns an die Gefahr erinnernd, was geſchehen würde, wenn der Schußwall zuſammenbrechen ſollte. An manchen Tagen ſo ſtark, daß bange Zweifel ſich im Herzen erhoben ; aber Jahr um Jahr hielt die Mauer deutſcher Leiber, die ſich überwältigender Brandung mutvoll und unerſchüttert entgegenſtemmte, dieweil wir im fleißigen Schaffen halfen, die Rüſtung zu ſc<mieden, dieweil wir die immer härter werdende Not leidvoll ertrugen in der Hoffnung, in Ehren die Prüfung zu beſtehen, die unſerem Volke durch ein unerbittliches Schiſal auferlegt war. Doch über die unerſchütterliche Mauer deutſcher Männer hinweg im lichten Aether der Höhe glitten die ſilbernen Libellen, die den Kampf hinter die Front trugen und Feuer und Verheerung über unſere Stadt ausſtreuten. Schre>en verbreitend, von denen ſich die alten Chroniſten wahrlich nichts haben träumen laſſen. Jmmer größer wurde ihre Zahl und immer ſtärker der Schrecken. Dumpf heulten die Sireneu in der Nacht und während des Tages, Kanonenſchlünde donnerten, ein unheimliches Echo wekend, ziſchend ſauſten die Granaten im Bogen über die Dächer, ſich hier und da auch ein unwill- fommenes Ziel ſuchend, und ohrenbetäubend ſpien die feindlichen Bomben Tod und Verderben, während die aufgeſcheuchten Bürger Schuß in den Kellern ſuchten. So manche Nacht und ſo manchen Tag ging das nervenzerreibende Spiel, das uns mitten in die Schre>en des Krieges hineinverſekte und manches unſchuldige Opfer ſorderte. Aber, ſo trüb auch dieſe Zeit der Prüfung war, ſie war doch m< immer von der einen Hoffnung erfüllt, daß troß aller Not und leiblichen Sorge unſerem Vaterland das Schwerſte erſpart bleiben würde. Aber auch dieſe Prüfung, doppelt ſchwer für unſer Grenzland, blieb uns nicht erſpart. Eine"immer erdrüfender werdende Uebermacht erzwang den Zuſammenbruch, der ſich nicht mehr aufhalten ließ. Wir erlebten die traurigen Tage des zurückflutenden Heeres, bis die Stunde nahte, da die Clairon3 in den Straßen unſerer lieben Stadt des Gegners Nahen kündeten. Znzwiſchen war ja der Waffen- ſtillſtand abgeſchloſſen, der uns einen, wenn auch ſchweren, aber doh der Völkergerechtigkeit ent- ſprechenden Kriegsabſchluß verhieß. C38 kamen die Tage der Beſakzung, die hart die Hand auf uns legte, uns aber doch das Schiſal erſparte, das ein Führer der. fremden Truppen in das Bedauern darüber umſchrieb, daß es ihm leider durch den Waffenſtillſtand verſagt geblieben ſei, an der Spike ſeiner Truppen in Saarbrücken als Eroberer einrücken zu können. Zn Verſailles berieten indes die Machthaber über die Bedingungen, die man unſerem armen Volke aufzuerlegen willens war. Bald ſierten die Gerüchte durch, daß Frankreich die Auslieferung des Saaärbekens als hiſtoriſchen Anſpruch heiſche Bange Sorge erwuchs in den Herzen an der Saar. Zwar das Schlimmſte wurde nicht zur Wirklichkeit, aber e8 kam doch noch ſchlimm genug! Abſchied mußten wir nehmen auf 15 Jahre von unjerem Mutterland, einer fremden Regierung untertan, die willens iſt, uns zurüzulenken zu der „hiſtoriſchen“ Sympathie für Frankreich, das wir als die neue Heimat bei der Abſtimmung im Zahre 1935 erwählen ſollen, Für immer ſei e8 in der Chronika von Saarbrücken verzeichnet, M das Saar- En 117