Saarfalender für das Jahr 1923 Sie trinken und ſie tanzen und ſiehe, es tanzen allda: der mit der jchwergoldenen Kette, der „Ausgeplünderte“ -- und es tanzt auch Herr Ehrlich. Hohnlachend ſtürzt der Fremde fort. Und doch gelingt es ihm, eine Stätte zu finden, wo er weilen kann, wo er die Schmach durch- lebter Tage für Augenblicke vergißt. Es begegnet ihm einer, der auch mit mißbilligendem Urteil durch das ausgeartete, ſündhafte Treiben geht, der nicht, teilnimmt an dem Tanz um's goldene Kalb und eine beſſere Auffaſſung jein eigen nennt von Lebensfreude und Leben8wert. Und nicht nur mit Verachtung ſieht dieſer Gerechte und Standhafte unter ſo vielen Taumelnden dem allgemeinen Verderben zu, ſondern auch mit Mitleid und tiefer Trauer. Der bleiche Fremde erkennt einen ihm im Geiſt Verwandten und geht mit ihm in ſeine Be- haujung, ſit an ſeinem Tiſch und ißt mit ihm und fühlt ſich wohl im trauten Familien- und Freundeskreis. Da belebt ſich in ihm die Hoffnung wieder, daß es mit Hilfe dieſer Treugeſinnten doch wohl möglich ſein werde, die arme irrende Menſchheit aus tiefſtem Sumpfe hinauszuführen. In freudigerer Stimmung ſchreitet er eines Abends in ſpäter Stunde, die ihn der Unterhaltung mit den ihm Liebgewordenen entreißt, durc< menſchenleere Straßen weiter, immer weiter hinaus. Er iſt ein Einſamgänger und liebt ſolche Wege. Vorbei an den Geigenklängen, vorbei an den hellerleuchteten Fenſtern, hinter deren Vorhängen Schatten huſchen, vorbei an langen Häuſerfronten, Türen und Toren. .. Allgemach werden die leiſe murmelnden Stimmen hörbar, die fernab vom Menjſchengetriebe des Nachts den Raum durchdringen . .. tief... unergründlich . . . ſonderbar. Villen mit ausgedehnten Gärten und Parkanlagen, Gebüſch, Bäume. Der Weg ſteigt bergan. Und nun jteht er oben auf dem Gipfel der Anhöhe, den ein Denkmal krönt, nach allen Seiten ſichtbar über der Stadt gelagert. Von unten brodelts deutlich vernehmbar herauf aus dem Talkeſſel. . Noch iſt dort das Leben nicht gänzlich erloſchen, noch nimmt es unter Seufzen und Tränen, unter Lachen und Weinen ſeinen Fortgang. Lichter blizen her, wie Aufſchreie wunder Seelen dringen vereinzelte ſtärkere Geräuſche heran. Veber der gähnenden Tiefe aber breitet ſich ho<h oben ein wunderbar klarer Sternenhimmel aus: Millionen und Abermillionen von Weltkörpern, alle in den ewigen Gang eingefügt, der da geht von einem Ende zum anderen ... unendlich weiter, alle in Bewegung auf ſtreng geregelter ahn. Und wie er daſteht, in ſtumme Betrachtung vertieft, beginnen ſeine Gedanken zu wandern und ſie verweben Vergangenheit und Gegenwart mit der Zukunft, Erlebniſſe der lezten Zeit mit den dauernd gültigen Wahrheiten, die ſeiner Seele gläubiges Daſein beherrſchen, den Traum der nachterfüllten Erde mit der Strahlenſchönheit de3 Hinmels. Welt! Leben! Unaufhörlich gehen ſie weiter und eine38 kann nicht ohne das andere beſtehn; denn im Leben erſchöpft ſich das Daſein der Welt. Leben iſt Wirrnis. Wirrnis liegt über der Erde, über der Stadt da unten ſowohl, als auch über den Vielen da draußen, die faſt in gleicher Weiſe wie ſie haſten und toben. Wirrnis erfüllt das Bewußtſein der Menſchen, daß ſie dem Gößzen Mammon Altäre bauen und darauf ſich ſelbſt opfern und ihre beſſere Beitimmung. Nacht! Licht! Zwei Ströme durchfluten die Welt, gegeneinander kämpfend, durcheinander wirbelnd, ſich auf- löſend und ablöſend. Aber jo ſicher wie das Sternengewölbe hoch oben nicht untergehen kann, ſolange die Welt beſteht und das Leben auf ihr atmet, ſo ſicher kann auch das Gute, das Wahre nicht ganz unter- tauchen in der Finſternis des Nichtſeins. Dem einſämen Manne weitet ſich das Herz, ein ſonderbarer Dämmerzuſtand gewinnt Macht über ſeine Sinne, und er ſieht Scharen wallen unaufhörlich, und ſie ziehen in weißen Gewändern mit Fammenden Kerzen in der Hand, und ſie ſingen frohloXende Geſänge hinaus in die Weite de8 NRaumes8. Ziiwaiitatgergt= 110