396 1. Die "Renazifizierung" der deutschen Verwaltung Der Sieg der Ehemaligen: Die stille, allmähliche, schleichende, unaufhaltsame Wiederkehr der Gestrigen scheint das Schicksal der Bundesrepublik zu sein. Angetan mit alten und neuen Gesetzesmänteln der Gerechtigkeit, lassen sie sich einzeln auf den hohen, rei ­ henweise auf den mittleren Sesseln der Verwaltung, der Justiz und der Verbände nieder, ln der Wirtschaft halten sie ohnehin nicht erst seit heute die Hebel in ih ­ ren sicheren, ach so zuverlässigen, so welterfahrenen, so angesehenen Händen, - nun wieder die Hände der Macht. Dieses resignative Fazit zog Mitte der 50er Jahre der katholische Publizist und ehe ­ malige KZ-Häftling Eugen Kogon 1 . Auch in der französischen Zone wurde durch die Amnestien der Jahre 1947/48 und die im Gegensatz zu den früheren Entnazifizie ­ rungsbescheiden durchweg milderen Spruchkammerurteile Anfang 1948 - in den an ­ deren Besatzungszonen eher noch früher - ein Prozeß in Gang gesetzt, der sowohl von der Militärregierung als auch von deutschen Kritikern bald schlagwortartig "Renazifizierung" 2 genannt wurde. Nach 1945 entlassene beziehungsweise nicht ­ wiedereingestellte Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes, die amnestiert oder als Mitläufer eingestuft waren, forderten ihren alten Arbeitsplatz zurück. Unter ­ stützt vom Beamtenbund und den Kirchen beriefen sie sich dabei auf die Bestim ­ mungen des deutschen Beamtenrechts. Die Militärregierung befürchtete, daß mit den ehemaligen Pgs auch die nationalsozialistische Gesinnung wieder in die Verwaltung zurückkehren würde und dadurch der Aufbau der deutschen Demokratie gefährdet sei. Die Entwicklung der folgenden Jahre zeigte jedoch, daß sich die große Mehrheit der ehemaligen Nationalsozialisten nicht mehr für rechtsextreme Ziele aktivieren ließ 3 . 1.1. Saarland Sowohl die saarländische Regierung als auch das Hohe Kommissariat kamen im Ja ­ nuar 1948 überein, daß durch eine Amnestie kein Rechtsanspruch auf Wiederein- 1 Kogon, Eugen: Beinahe mit dem Rücken an der Wand, in: Frankfurter Hefte 9 (1954), S. 641-645, hier S. 641. 2 Zum Begriff "Renazifizierung" äußert sich kritisch Vollnhals, Einleitung, S. 63; Henke, Die Trennung, S. 53f., will ihn höchstens als Analogie-Terminus zur politisch weitgehend entkernten Entnazifizierung verwenden. Der Begriff wird hier verwendet, weil er a) zeitgenössischen Ursprungs ist und sowohl von deutscher als auch französischer Seite verwendet wurde, und b) am anschaulichsten die weitgehende Rückgängigmachung personalpolitischer Säuberungsmaßnahmen im Rahmen der Entnazifizierung deutlich macht. Der Begriff wird hier nur auf den Prozeß der Rückkehr ehemaliger Pgs angewandt, nicht auf eine etwaige gleichzeitige "ideelle Renazifizierung" - siehe auch die Erörterung der Frage des Elitenwechsels im Schlußkapitel. 3 Dagegen wurde in den Nachkriegsjahren bei amerikanischen Meinungsumfragen in Deutschland fest ­ gestellt, daß der Nationalsozialismus keineswegs mit Krieg, Terror und Verbrechen gleichgesetzt wurde. Die Hälfte der Befragten bejahte in den Jahren 1947/49 den zweiten Teil der Frage: Was Natio ­ nal Socialism a bad idea, or a good idea badly carried out ?\ Public Opinion in Occupied Germany. The OMGUS Surveys 1945-1949/hrsg. von Richard und Anna Merritt. Urbana 1970, S. 33; Vollnhals, Einleitung, S. 62f.