320 2.5. Die Entnazifizierung vor saarländischen Spruchkammerorganen - Versuch einer Wertung 113 Im Landesarchiv Saarbrücken befinden sich die Akten der Spruchkammerorgane aus der Zeit nach Oktober 1947. Die Epurationsakten der Jahre 1945 bis Ende 1947 wa ­ ren bei der Militärregierung verblieben und sind heute nicht mehr auffindbar. Das bedeutet, daß nur ein Teil der saarländischen Epurationsfälle vorhanden ist: Einsprü ­ che, Internierte und nach 1948 aufgetretene Fälle 114 . Alle vorhandenen Berufungsspruchkammerakten und jeweils die ersten und letzten zehn Fälle eines Jahres jeder einzelnen Kammer wurden eingesehen, ohne damit den Anspruch zu erheben, eine quantifizierende Aussage machen zu können. Hinzu ka ­ men die gesondert gelagerten Fälle von 53 Internierten 115 und die gezielt ausgesuch ­ ten Fälle von 30 Industriellen. Mit diesen insgesamt 424 Akten 116 sollte die Arbeits ­ weise der Spruchkammerorgane, ihre Bewertungsmaßstäbe und Argumentations ­ weise untersucht werden. Außerdem sollte überprüft werden, inwieweit die zeitge ­ nössische Kritik an der milden Urteilssprechung - insbesondere der Berufungs ­ spruchkammer - berechtigt war. Die einzelnen Abteilungen der Spruchkammer arbeiteten und urteilten wie ordentli ­ che Gerichte und wiesen jede Einmischung von außen zurück. Sie hielten sich streng an die Gesetzestexte und legten sie stets zugunsten des Betroffenen aus. Die "Römische Garantieerklärung" vom 3. Dezember 1934 117 wurde angewandt. Die Tä ­ tigkeit in der Deutschen Front galt deswegen nicht als politische Belastung. Seit 1945 auferlegte Sanktionen wurden auf die Höhe des Sühnebescheides angerechnet. Eine formale politische Belastung, die im frühen Epurationsverfahren die Höhe der Sank ­ tionen stark beeinflußt hatte, spielte nur noch bei hohen Positionen oder bestimmten Tätigkeiten (SD, Gestapo), die als Beleg für einen NS-Aktivismus angesehen wur ­ den, eine Rolle. Die Kammern legten nur einwandfrei nachweisbare Belastungen (eindeutige Nutznießerschaft, erwiesene Denunziation) ihrem Urteil zugrunde. Ein wichtiges Beweismittel waren dabei oft Personalakten und Selbstzeugnisse der Be ­ troffenen aus der Zeit vor 1945. Ein vor 1945 erfolgter Kirchenaustritt oder die UK- Stellung des Betroffenen konnten Hinweise auf einen NS-Aktivismus sein. Eine kirchliche Hochzeit oder Taufe der Kinder trotz SS-Mitgliedschaft diente dagegen als Beweis für eine innere Distanz zum NS-Regime. Eine besondere Bedeutung hatte 113 Es sei an dieser Stelle nochmals Herrn Professor Herrmann, Direktor des Landesarchivs Saarbrücken, gedankt, der es mir ermöglichte, einzelne Spruchkammerakten einzusehen. 114 Da der Einspruch an bestimmte Voraussetzungen über die Höhe der Sanktion gebunden war, befinden sich nur die Fälle der politisch stärker belasteten Personen unter den Spruchkammerakten. 115 LA SB OSR 1 bis 53. 116 Von diesen 424 Personen waren der NSDAP beigetreten: 1922-29: 15, 1930-32:44, 1933/34: 160, 1935: 62, 1936/37: 50 und nach 1938: 33. Die Altersstruktur sah folgendermaßen aus (Stichjahr 1935): über 60 Jahre: 2, 50-59 Jahre: 18, 40-49: 107, 30-39: 160, 20-29: 107, 10-19: 24. 117 Bekanntmachung Uber Vereinbarungen und Erklärungen aus Anlaß der Rückgliederung des Saarlan ­ des; RGBL II 1935, S. 121 ff.; Jacoby, Fritz: Die nationalsozialistische Herrschaftsübemahme an der Saar. Die innenpolitischen Probleme der Rückgliederung des Saargebietes bis 1935. Saarbrücken 1973, S. 172ff.