229 8. Zwischenbilanz zum Frühjahr 1947 Im Frühjahr 1947 fand eine einschneidende Änderung der Entnazifizierungspolitik in der französischen Zone statt. Im Rahmen des Demokratisierungskonzeptes der Mili ­ tärregierung und anläßlich der Gesetzesarbeiten zur Umsetzung der Kontrollratsdi- rektive Nr. 38 wurden den Länderregierungen in der französischen Zone weitrei ­ chende Kompetenzen in der politischen Säuberung übertragen. Die Militärregierung zog sich auf eine Kontrollfunktion zurück. Bis dahin hatte sie eineinhalb Jahre lang maßgeblich Form und Verlauf der Entnazifizierung bestimmt. Im Gegensatz zur zeitgenössischen Meinung und zur Darstellung in der bisherigen historischen Forschung räumte die Militärregierung, an ihrer Spitze Generalverwalter Laffon, der Entnazifizierung höchste Priorität ein. Sie entwickelte im Herbst 1945 ein Entnazifizierungsverfahren, das ein halbes Jahr vor dem amerikanischen Befrei ­ ungsgesetz die eigenverantwortliche Mitarbeit deutscher Organe vorsah. Nach der personellen Säuberung der Verwaltung erfolgte die Überprüfung des leitenden Per ­ sonals in der Privatwirtschaft. Die Entnazifizierung der juristischen Personen blieb angesichts ungelöster rechtlicher Probleme in den Anfängen stecken, war aber ernst ­ haft versucht worden. Das Erziehungswesen spielte anfangs eine Sonderrolle, mußte sich dann aber in das allgemeine Verfahren einordnen. Trotzdem blieben in diesem Bereich Sonderregelungen in Kraft, die Folge der besonderen Bedeutung waren, die die Militärregierung der Kulturpolitik im Rahmen der Demokratisierung Deutsch ­ lands beimaß. Die Militärregierung war von ihrem Entnazifizierungsmodell überzeugt. Sie wehrte sich - trotz heftiger Kritik in der französischen und amerikanischen Presse - gegen eine eilfertige Übernahme des amerikanischen Systems, das von Schematismus und Automatismus gekennzeichnet war, und wies auf die Vorzüge des eigenen Verfah ­ rens hin, das die Individualität des Einzelfalls stärker berücksichtigte 1 . Dieses Selbstbewußtsein wurde in der Diskussion um die Kontrollratsdirektive Nr. 24 deut ­ lich. Die Bestimmungen der KR 24 bedeuteten gegenüber dem französischen Entna ­ zifizierungsverfahren einen Rückschritt. Trotzdem lehnte die Militärregierung eine Vetopolitik im Alliierten Kontrollrat ab. Ihre Änderungsvorschläge kamen aufgrund der schlechten Kommunikation zwischen Baden-Baden und Berlin zu spät und wur ­ den von den anderen Alliierten nur noch zum Teil berücksichtigt. Laffon lehnte des ­ halb die Durchführung der KR 24 in der französischen Zone ab. Die Planung der französischen Entnazifizierungspolitik erfolgte ohne besondere Vorgaben der Pariser Regierung in Baden-Baden. Die Durchführung der politischen Säuberung war Laffon ein persönliches Anliegen, und er konnte aufgrund seiner Er ­ fahrungen, die er bei der Planung und Durchführung der französischen Epuration ge ­ sammelt hatte, die Entwürfe seiner Mitarbeiter beurteilen. Die französischen Direkti ­ 1 Der frühere Hochschuloffizier in Freiburg, Rene Cheval, erklärte zur Entnazifizierung der Universitä ­ ten auf dem Tübinger Symposium im September 1985: Nach Prozenten ging es bei uns nicht. Wir hat ­ ten kein Soll zu erfüllen. Man hat uns nicht gesagt, es müssen jeden Monat zehn oder zwanzig Köpfe fallen ... Es gab keinen Schematismus. Wir haben nicht stur nach Paragraphen geurteilt und verurteilt, in: Hochschuloffiziere, S. 43f.