31 3. Ausweisungen als Mittel der Entnazifizierungspolitik? Die "Entpreußung" des Saarlandes Von Anfang an nahm das Saarland in der französischen Nachkriegspolitik eine Son ­ derrolle ein. Aus historischen, militärischen, ökonomischen und politischen Gründen hatte Frankreich ein besonderes Interesse an der Saar. Trotzdem dauerte es bis Som ­ mer 1947, bis die offizielle französische Saarpolitik feststand 1 . Das Ergebnis des Plebiszits vom 13. Januar 1935 mit seinem überragenden Anteil an Ja-Stimmen für die Heimkehr in das (nationalsozialistische) Deutsche Reich wurde vom Comite Interministeriel in Paris mit dem Hinweis auf die damalige massive Ein ­ flußnahme des Deutschen Reiches und das viel höhere Ergebnis der österreichischen Volksabstimmung von 1938 relativiert. Hinzu käme, daß die Saarländer - bedingt durch die wechselhafte Geschichte ihres Landes - nicht als "echte Deutsche" zu be ­ trachten seien: Der Saarländer sei zwar von deutscher Mentalität geprägt, aime l'autorite, l'ordre, la discipline, ainsi que se fondre dans un groupe, entspreche aber in seinem Charakter mehr den Angehörigen einer Grenzbevölkerung: La population de la Sarre, si eile est allemande de race comme de langue et de moeurs, ne parait pas avoir de conscience nationale bien affirmee et est essenti- ellement accessible aux inßuences ... (Der Saarländer; R.M.) a le complexe de l'habitant des frontieres et est, en consequence, particulierement malleable, ac ­ cessible aux inßuences du moment, prompt ä se resigner, ou meme ä se conver- tir; ä un nouvel ordre de choses 2 . 3.1. Die Pariser Saardirektive vom 25. August 1945 Anfang August 1945 forderte der ehemalige Konsul Frankreichs in Saarbrücken, Abel Verdier, dringend den Erlaß einer Saardirektive: Die Militärregierung unter General Morliere ignoriere die besonderen Wünsche und Ziele der französischen Re ­ gierung an der Saar: Le General Morliere ignore, en effet, les dispositions du Gou ­ vernement et, ayant ete Gouverneur Militaire de Bade, a tendance, en l'absence d'instructions, ä envisager les questions sous l'angle SHAEF 3 . Am 25. August 1945 beschloß das Comite Interministeriel erste Anweisungen für die künftige französische Saarpolitik, die auf einem Entwurf von Maurice Dejean ba ­ 1 Hudemann, Rainer: Konflikt und Kooperation. Zu Frankreichs Saarpolitik nach Kriegsende, in: Von der "Stunde O" zum "Tag X", S. 97-104, hier S. 99ff.; Ders., Die Saar, S. 33. AMFA: "Le territoire de la Sarre": Vortrag des Universitätslehrers Priou, Paris; AOFAA DGAP c. 1676 p.80 d.125. 2 CIAAA: Dokument Nr. 13: "Directives particuliöres concemant la Sarre", 25.8.1945; AOFAA CC POL III K 3 p.44. 3 Abel Verdier war von 1935 bis 1939 als französischer Konsul in Saarbrücken gewesen. Er kam gegen Kriegsende als Beauftragter des Quai d'Orsay und politischer Berater General Morlieres an die Saar zu ­ rück; MAE/Delegation pour la Sarre: Verdier an Dejean, 8.8.1945; MAE Y 1944-49 d.692/200. Zu General Morli&res Tätigkeit als Militärgouvemeur in Südbaden: Grohnert, S. 20ff.