535 vationen zusammen: Der finanziellen und ökonomischen Argumentation stand die soziale Motivation gegenüber, den Versehrten einen Lebensinhalt zu geben, ihnen das Gefühl der Wertlosigkeit zu nehmen und sie durch den wirtschaftlichen Einsatz zu auch subjektiv vollgültigen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Diese Grundlinie der deutschen Kriegsopferpolitik, wie Michael Geyer sie in internationa ­ lem Vergleich für die Weimarer Republik betonte, 9 wurde 1950 wieder in verstärktem Maße aufgenommen, und auch hierin schloß die Bundesrepublik stärker an die Entwicklung im Südwesten als in der Bizone an. Vor diesem Hintergrund waren auch die niedrigen Rentensätze konzeptionell zu verteidigen, weil auf diese Weise der Ansporn zu eigener Arbeit stieg. Durch alle Nachkriegsjahre hindurch ist in dem vielfältigen Schrifttum der Kriegs ­ opfer das Gefühl zu verfolgen, von der Umwelt persönlich für den Krieg und seine verheerenden Folgen verantwortlich gemacht zu werden. Das gute Verhältnis zwi ­ schen deutschen Kriegsopfern und Teilen der französischen Militärregierung beruh ­ te unter anderem darauf, daß viele Franzosen eine solche Identifizierung von Kriegs ­ opfern und „Militaristen“, in deutlichem Gegensatz zu Teilen der deutschen Bevöl ­ kerung, bewußt und demonstrativ nicht Vornahmen. 1949/50 war damit bei den Kriegsopfern vielfach schon eine Ausgangsstimmung des ungerecht für andere Bü ­ ßenden geschaffen. Während die meisten Kriegsopfer der britischen und amerikani ­ schen Zone jedoch mit dem Bundesversorgungsgesetz eine Verbesserung ihrer mate ­ riellen Situation konstatieren konnten, waren in der französischen Zone so große Gruppen der Kriegsopfer von deutlichen Verschlechterungen betroffen, daß die allgemeine Reaktion Wut und Enttäuschung war. Das Bundesversorgungsgesetz schien im Südwesten den subjektiven Eindruck zu bestätigen, daß der neue Staat nicht bereit war, die berechtigten Ansprüche derer, die mit ihrer Gesundheit oder mit dem Leben ihrer Angehörigen für eine nicht von ihnen persönlich zu verantwortende nationale Katastrophe „bezahlt“ hatten, auch anzuerkennen. Am meisten verschärfte sich die Situation in Baden, dem Land, das die besten Leistungen geboten hatte, dessen Kriegsopfer sich in ihrer materiellen Lage damit am stärksten verschlechterten und dessen Staatspräsident sich zugunsten der Kriegs ­ opfer politisch besonders engagiert hatte. Auch in Rheinland-Pfalz und Württem- berg-Hohenzollern mehrte sich jedoch der Protest. Baden hielt sich auch gegenüber dem Bund an seine bisherige innenpolitische Linie. In den Einzelverhandlungen mit dem Bundesarbeitsministerium sowie im Bundesrat und seinen Ausschüssen wurden wenige Forderungen des Südwestens noch durchgesetzt. 10 Dennoch verschlechterte sich das Gesamtniveau der Leistungen so stark, daß Baden am 27. Oktober 1950 im Bundesrat als einziges Land gegen das Bundesversorgungsgesetz stimmte. Für Rheinland-Pfalz protestierte Altmeier ebenfalls, allerdings nicht nur wegen der un ­ zureichenden Leistungen für Schwerbeschädigte, sondern auch, weil die Länder des Südwestens die aus den bisher besseren Regelungen erwachsenden Mehrbelastun ­ gen im Zuge der Umanerkennung für eine Übergangszeit selbst tragen sollten; Geyer, Vorbote. 10 Schriftverkehr und Protokolle in StA FR A 2/8147 und LHA KO 930/4760.