415 Die soziale Notlage der Kriegsopfer und die Einschränkung der staatlichen Aktions ­ fähigkeit trugen dazu bei, den neu entstehenden Verbänden sofort ein breites und wichtiges politisches Aktionsfeld zu eröffnen. Während Kriegsopferverbände ande ­ rer Länder hier weniger wichtige Funktionen hatten und daher stärker zu Veteranen ­ verbänden wurden, in denen die Erinnerung an den Krieg eine zentrale Rolle spielt, wurden die deutschen Kriegsopferverbände zu Organisationen, in denen die politi ­ sche und soziale Aktion den Schwerpunkt der Aktivitäten bildet. 5 Sofort nach ihrer Zulassung entfalteten sie eine rege politische Aktivität, und in einigen süddeutschen Ländern wurde der VdK rasch zur zweitgrößten Organisation nach den Gewerk ­ schaften. Bei anderen Faktoren, die den Wiederaufbau der Verbände positiv oder negativ bestimmten, verwoben sich alliierte Maßnahmen und deutsche Innenpolitik. Die psychologische Verfassung der meisten Opfer des II. Weltkrieges war 1945 wenig geeignet zu energischen Initiativen. Zu dem persönlichen Schicksal, das dem der Kriegsopfer in anderen Ländern vergleichbar war - abgebrochene Karrieren, zerstörte Gesundheit, schwierige familiäre Verhältnisse, um nur die wichtigsten an ­ zusprechen kamen im deutschen Fall die Ungewißheit über die Zukunft des Landes und der Mangel an Perspektiven, der durch die anfangs harte Besatzungs ­ politik, besonders in der französischen Zone, und durch die wenigen Informationen über Morgenthau-Plan und ähnliche Absichten der Alliierten noch verstärkt wurde. Im Verhältnis zu ihrer Umwelt bekamen die Kriegsopfer nicht nur Hilfe und Mitleid zu spüren. Teilweise hat sich auf sie der Überdruß der Bevölkerung am Krieg und an der Nachkriegsnot übertragen, da sie den Krieg in besonders sichtbarer Weise weiter zu verkörpern schienen. Die psychologischen Vorgänge, die hinter den von den Kriegsopfern vielfach bitter empfundenen Aversionen standen, können hier gleich ­ falls nur angedeutet werden. Not litten viele, und die Kriegsopfer waren nur eine spezifische Kategorie unter den vom Krieg hart betroffenen Bevölkerungsgruppen. Der Absolutheitsanspruch, mit dem die Verbände ihre Forderungen gelegentlich vortrugen, mag ab 1946/47 zu dem mitunter gespannten Verhältnis zu ihrer Umwelt beigetragen haben. Die Betroffenen empfanden die Spannungen jedenfalls so stark, daß Verbandsfunktionäre und Sachbearbeiter in den Ministerien der französischen Zone später sogar gelegentlich feststellten, sie hätten bei der französischen Besat ­ zungsmacht mehr Verständnis gefunden als auf deutscher Seite. 6 Hemmend wirkte sich auf den Verbandsaufbau schließlich aus, daß die junge Gene ­ ration während des „III. Reiches“ aufgewachsen war und über keinerlei Erfahrung in eigenständiger politischer Organisation verfügte. 7 Die Kriegsopferverbände der Weimarer Republik waren im wesentlichen Selbsthilfeorganisationen gewesen, auch Irn internationalen Vergleich s. Wahl (Hg.), Memoire. In das vorliegende Kapitel sind auch Überlegungen und Materialien eingegangen, die zusammenfassend bei diesem Metzer Sym ­ posium zur Diskussion gestellt wurden; vgl. Hudemann, Formation. So beispielsweise in den Festschriften des Landesverbandes Baden-Württemberg des VdK: 25 Jahre VdK Baden-Württemberg (1972); Solidarität - Weg in die Zukunft (1980). Hierauf wiesen den Verf. auch mehrere am Wiederaufbau nach 1945 beteiligte Funktionäre hin.