387 VI. Zwischen Antimilitarismus und Fürsorge: Kriegsopferpolitik im Nachkriegsdeutschland War die Sozialversicherungspolitik in der französischen Zone von Neuordnungsan ­ sätzen geprägt, die zwar seit Jahrzehnten diskutiert worden waren, vor 1946 in Deutschland jedoch keine praktische Relevanz erhalten hatten, so bietet die Kriegs ­ opferversorgung eher ein umgekehrtes Bild: Während die Politik in den anderen Zonen zunächst auf die Beseitigung einer eigenständigen Kriegsopferversorgung abzielte, blieb in der französischen Zone die langfristige, auch auf Bundesebene 1950 wieder aufgegriffene Traditionslinie der deutschen Kriegsopferpolitik seit dem I. Weltkrieg weitgehend erhalten und wurde in einigen charakteristischen Punkten weiterentwickelt. Zugleich erhielten im Südwesten die wiederentstehenden Kriegs ­ opferverbände nach 1945 einen stärkeren politischen Einfluß als in den anderen Zonen. Die Besonderheiten der Kriegsopferversorgung in der französischen Zone werden daher nur dann verständlich, wenn sie eingeordnet werden in den Kontext der langfristigen Entwicklung der deutschen Kriegsopferversorgung sowie ihrer Ausgestaltung in den anderen Zonen nach 1945, und wenn das politische Kräftefeld einbezogen wird, das mit dem Wiederaufbau der Verbände in den drei Westzonen entstand. Da diese Zusammenhänge für die Kriegsopferproblematik in der For ­ schung weniger umfassend aufgearbeitet sind als für die Sozialversicherung, müssen die diachronischen und synchronischen Rahmenbedingungen im folgenden breiter dargestellt werden. Auf den Verbandsaufbau ist dabei auch deshalb ein Schwerge ­ wicht zu legen, weil hier beispielhaft mit dem Einfluß außerparlamentarischer Grup ­ pierungen eine weitere wesentliche Facette deutscher politischer Wirkungsmöglich ­ keiten unter Besatzungsbedingungen genauer überprüft werden kann, die bisher im Rahmen von Gewerkschaften und Ortskrankenkassenverband beobachtet wurde. Schließlich hat die eingangs untersuchte französische KontroIIratspolitik bei der Kriegsopferfrage andere Wirkungen entfaltet als bei der Sozialversicherungsreform. In langfristiger Perspektive schließlich ist die Situation der Kriegsopfer in der Bun ­ desrepublik durch die Konstellationen und Entwicklungen in den Nachkriegsjahren entscheidend geprägt worden.