364 nach Entscheidung der Kassenvorstände und Selbstverwaltungsorgane von Kasse zu Kasse differierten und seinerzeit statistisch nicht systematisch erfaßt worden sind. Für die Beurteilung der Leistungsfähigkeit des Systems böten sie den besten An ­ haltspunkt. Die frühe Wiedereinführung der Selbstverwaltung in der französischen Zone hat hier vermutlich eine noch größere Leistungsvielfalt entstehen lassen als in der amerikanischen Zone; in der britischen Zone waren Mehrleistungen seit Oktober 1945 ohnehin verboten. Die entsprechenden Teilstatistiken des Bundesarbeitsmini ­ steriums sind jedoch nicht regional differenziert, so daß sie einen Vergleich zwischen amerikanischer und französischer Zone nicht erlauben. Die Kann- und Mehrleistun ­ gen zonenbezogen und damit unter Berücksichtigung des jeweiligen Versicherungs ­ systems global vergleichend zu erfassen, dürfte heute nicht mehr möglich sein. 4 Daß diese Leistungen ebenso wie viele andere, sozialgeschichtlich wesentliche Da ­ ten seinerzeit nicht differenzierter aufbereitet wurden, hängt auch mit den spezifi ­ schen Arbeitsbedingungen der Krankenkassen in diesen Jahren zusammen. Sie hat ­ ten nicht nur mit den vielfachen materiellen Kriegsfolgen wie Zerstörung oder Beschädigung von Gebäuden und Verlust von Unterlagen zu kämpfen, welche die meisten Kassen in erstaunlich kurzer Zeit behelfsmäßig überwanden. Aus der Per ­ spektive der Ortskrankenkassen rächte sich jetzt auch zum zweiten Male die Entlas ­ sungswelle des Jahres 1933. Hatten zu Beginn des „III. Reiches“ gerade die Orts ­ krankenkassen zu einer Art Arbeitsbeschaffungsaktion für „alte Kämpfer“ gedient, denen ein großer Teil der alten, oft gewerkschaftlich organisierten Kassenangestell ­ ten weichen mußte, 5 * so wurde umgekehrt 1945/46 ein besonders großer Anteil von Mitarbeitern konsequenterweise von den Entnazifizierungsmaßnahmen erfaßt. Dies bedeutete, daß die Ortskrankenkassen weithin mit nicht geschultem Personal arbei ­ ten mußten; erst 1947 besserte sich die Situation grundlegend, als der Verband der Ortskrankenkassen der französischen Zone Schulungskurse einrichtete.* Die Perso ­ nalprobleme brachten nicht nur vielfache Schwierigkeiten in der alltäglichen Arbeit mit sich. Die meisten Mitarbeiter waren sich über die Bedeutung der in der französi ­ schen Zone vollzogenen Reform auch nicht im klaren, da sie die jahrzehntelangen Kämpfe um die Organisationsform der Sozialversicherung meist nicht verfolgt hat ­ ten. Nach dem Urteil von Kurt Urban, nach dem Krieg in der AOK Ludwigshafen tätig und 1982 Direktor des Verbandes der Ortskrankenkassen (Südwest), 7 war die mangelnde Sachkompetenz des Personals in den übergreifenden Problemen mit dafür verantwortlich, daß die Chancen, welche dieser Versuch der Einheitskranken ­ kasse aus Sicht der Ortskrankenkassen bot, nicht besser genutzt wurden. So wurden auch die für die Einheitskassendiskussion wesentlichen Daten nur ungenügend aufbereitet; charakteristisch dafür ist etwa, daß der Verband der Ortskrankenkassen 4 Dies ist auch das Urteil aller ehemaligen und heutigen AOK-Mitarbeiter, mit denen der Verf. diese Problematik besprechen konnte. Zu den Mehrleistungen siehe: Die soziale Krankenver ­ sicherung im Jahre 1949, S. 12 f. mit Tabellen 5-7, S. A 11 f. u. A. 66. 5 Vgl. dazu Tennstedt, Sozialgeschichte der Sozialversicherung, S. 405 f., sowie Hansen u. a., S. 299 ff. 4 Die Schulungsbriefe sind in der Bibliothek des VdO Südwest in Lahr erhalten. 7 Gespräch in Lahr am 14. 4. 1982.